Die Entscheidung. Das Schwert des Entrepreneurs

Bevor ich diese Zeilen hier begann, versuchte ich eine Entscheidung zu treffen wie ich diesen Blogartikel anlege. Soll ich es provokant, emotional und pessimistisch angehen? Mich über das österreichische Wachkoma in Sachen Unternehmertum beschweren? Die Medien zerfetzen, weil sie bis dato zu dumm sind angestellte Manager ohne Risiko, von echten Unternehmern mit Pioniergeist und Mut zu unterscheiden? Oder gleich das ganze österreichische Wertesystem ankreiden, dass mir noch immer so erscheint, als gäbe es Monarchie und Ständestaat?

Oder aber gehe ich den US-amerikanischen „Yes we can“ Weg und juble die fantastischen Möglichkeiten in den Himmel, die wir als UnternehmerInnen in einem Land wie Österreich haben? Soll ich die Vorteile und Chancen herausstreichen, die der Weg des Unternehmers in sich trägt? Von meiner brennenden Leidenschaft erzählen Neues zu erschaffen, coole Projekte zu starten?

Ich muss mich entscheiden

Und gerade in dieser Phase der Entscheidung erkannte ich darin den für mich stimmigen Einstieg in diesen Artikel. Es ist die Entscheidungskraft. Diese möchte ich als Aufhänger verwenden, weil sie sozusagen die Meta-Eigenschaft des Entrepreneurs ist, ohne die er keiner wäre. Es ist sein schärfsten Schwert, bei alle den anderen Eigenschaften und Fähigkeiten, die der perfekte Entrepreneur so haben könnte.

Denn: Ja wer sind wir denn, dass wir diese Chance nicht nutzen? In einem der reichsten Länder lebend, verwöhnt mit einem (nein das ist nicht zynisch gemeint) guten Bildungssystem, gebettet auf rund 50 Jahre Aufschwung ohne Krieg. Ja wer sind wir denn, dass nicht mal die Bildungselite begreift, dass wir da ein fettes, großes, buntes Geschenk vor uns liegen haben?

Man nimmt uns die Sicht

Wir sind vielleicht verwöhnt – vor allem aber sind wir verblendet. Verblendet und abgelenkt von großen Marken, bildschönen Entertainment Angeboten und steilen Karrieren, die am Ende des Tages vor allem eines bedeuten: Innere Kündigung und die Suche nach dem Sinn.

Willst Du gründen? „Ja sicher, aber erstmal will ich ein paar Jahre Erfahrung sammeln“. Im Rahmen eines 0-8-15 Jobs in einem Konzern, wo man schöne Visitenkarten mit wichtigen Titeln bekommt. „Key Account Manager“: What the fuck? Wie kann das für einen jungen Menschen erstrebenswert sein? Es bleibt mir ein Rätsel. Mein geistiger Fluchtweg ist die Überzeugung, dass es eben keine bewussten Entscheidungen sind. Kann ja gar nicht sein. Wer wählt freiwillig ein Leben bei dem er in einem Korsett der individuell sinnlosen Verpflichtungen gezwängt wird? Wie kann eine Generation die im Überfluss aufgewachsen ist akzeptieren, dass sie nur 5 von 52 Wochen selbst über ihre Zeit bestimmen darf? Dass man 8 Stunden, 5 Tage die Woche (und mehr) etwas nur deshalb tut, weil man eben Geld verdienen muss, welches man dann im richtigen Leben (in der Freizeit) ausgibt. Darf man das moderne Massen-Prostitution nennen? Ich tue es mal.

Versklavung 2.0

Ich flüchte mich in die Annahme, dass das alles nicht bewusst geschieht und baue darauf meine Theorie auf, dass es eben daran liegt was einen Entrepreneur ausmacht. Er entscheidet sich anders und muss – zwangsläufig – davor in der Lage sein inne zu halten, um die Tragweite seiner Entscheidungen zu erkennen. Er muss die Zukunft sehen können, die Optionen und Varianten, denn ohne dieser Phantasie bleibt er in der ewig langsamen Schlange hin zum Hamsterrad der modernen Versklavung.

Jawohl, Versklavung. Mehr ist es nicht, was heute in vielen Unternehmen geschieht. Und wenige wissen, dass in der Zeit der Industrierevolution weltweit hitzige Debatten stattfanden, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, Leute „anzustellen“ und damit zu zwingen zu fixen Zeiten in Fabriken zu arbeiten. Das freie Wochenende und die paar Wochen Urlaub sind da nicht mehr als eine präventive Maßnahme, die man getrost mit dem inhaltslosen TV Programm in die Ecke der Ablenkungen schieben kann. Gibt dem Volk Brot und Spiele, dann mucken sie nicht auf.

Das ist wie Stillstehen bei einer Runde Völkerball

Doch zurück: Was macht den Entrepreneur aus? Er entscheidet sich. Das klingt einfach, beinhaltet aber eben schon mal die Fähigkeit überhaupt zu begreifen wohin die eigenen, bewussten und unbewussten Entscheidungen führen werden. Und natürlich ist es auch eine Entscheidung, wenn ich trotz Unzufriedenheit im Job oder Orientierungslosigkeit am Ende des Studiums – NICHTS unternehme. Nichts ändere. Das ist wie Stillstehen bei einer Runde Völkerball.

Es sind Entscheidungen und das draus folgende, entschlossene Handeln mit all seinen Risiken und Konsequenzen, die einen Entrepreneur ausmachen. Natürlich, dafür ist nicht jeder gemacht und muss auch nicht jeder gemacht sein. Ganz so schwarz-weiß ist die Welt natürlich nicht (es gibt auch sinn-volle Berufe). Meine provokante Darstellung bezieht sich auf jene die es grundsätzlich in sich tragen und dennoch den Absprung nicht schaffen.

Consulting Parasiten und die große Angstkeule

Sie sind begeistert von erfolgreichen Unternehmern, die später den erfolgreichen Managern weichen – in Ihrer Vorbild Funktion. Eigentlich wollen sie. Sie spüren es. Doch den letzten entscheidenden Schritt zur Entscheidung, den schaffen sie nicht. Und lassen sich anschließend 5 Jahre vom Consulting-Parasit aussaugen, bevor er sie zurück auf die Straße spuckt.

Und der Gegenwind ist stark, die „Agenten“ die uns in der vorgegaukelten Matrix halten wollen lauern überall. Gerade in Österreich sind es vor allem die engsten Vertrauten die uns oft nicht ermutigen sondern uns eine mit der großen Angstkeule überziehen. „Tu Dir das nicht an“ hört man dann, wenn man vom Gründen spricht.

Und wahrlich, es ist ja auch einfacher und bequemer einen Job zu suchen und sich ins System fallen zu lassen. Ein Unternehmen aufzubauen (und damit meine ich persönlich nicht die Karriere als Freelancer oder Ein-Personen-Unternehmen) ist mit einer Expedition gleichzusetzen. Hart, herausfordernd, unberechenbar… Lohnend! Doch in unserer Sicherheitskultur herrscht der Tenor: Ihre Sorgen möchten wir haben. Pioniergeist und Wagemut werden vielleicht gerade noch im online casino spiel oder im (abgesicherten) Extremsport ausgelebt.

Da hilft es auch nicht, dass Universitäten uns Unternehmertum lehren wollen. Das Paradoxon wird nicht mal erkannt. Überhaupt labern uns alle mögliche Angestellten voll und erklären uns warum schon wieder was nicht gehen kann. Da kann ich auch gleich Schminkkurse anbieten.

Ein wenig herb im Abgang

„Schumpeter? Noch nie gehört. War der bei „Deutschland such den Superstar?“. Der alte Haudegen ist auch gefährlich. Will ein zementiertes Wirtschaftssystem, bestehend aus ein paar Superkonzernen den wirklich „schöpferische Zerstörer“?

Ich möchte meine Zeilen mit den drei wesentlichen Dingen (zusammengefasst von Cornelia Geißler), die laut Schumpeter Antrieb für den Wagemut und die Risikobereitschaft sind – fast unkommentiert – abschließen. Manchen werden sie bedenklich stimmen, anderen schlecht bekommen, andere werden sie sofort ausdrucken und im Büro aufhängen. Ich sehe sie als spannenden Impuls und Geschenk für viele, spannende Diskussionen über Unternehmertum von heute.

(1) Die Motive des Entrepreneurs sind “egoistisch gefärbt – auch in der Bedeutung von gesteigertem Egoismus, Rücksichtslosigkeit”. Er legt keinen Wert auf Tradition und Beziehungen und ist der Hebel, der Bindungen durchbricht.

Anmerkung: Hier würde ich eine Veränderung vom rein egoistisch gefärbten hin zum idealistisch gefärbten Entrepreneur erkennen. Stichwort „Social bzw. Sustainability Entrepreneurship“. Die Rücksichtslosigkeit ist hoffentlich noch vorhanden, wenn sie gegenüber etablierten Machtstrukturen wie der Energieindustrie ausgelebt wird.

(2) “Der Traum und der Wille, ein eigenes privates Reich zu gründen”, treibt Entrepreneure an. Damit einher gehen Risikofreude, der Spaß am Kämpfen und Konkurrieren. Der Entrepreneur betrachtet “wirtschaftliches Handeln als Sport”. Dahinter verbirgt sich das Streben nach Macht und das Bedürfnis, die eigenen snobistischen Tendenzen zu bedienen.

Wer hat nun gerade nicht einen „Das ist aber nicht gut“ Reflex? Und warum eigentlich?

(3) Entrepreneure besitzen einen enormen Kraftüberschuss. Diesen verwandeln sie in “Freude am Gestalten”, wo andere sich mühsam durch ihren Arbeitsalltag schleppen. Schumpeters Fazit: Entrepreneure sind dafür verantwortlich, dass sich die Wirtschaftsstruktur unaufhörlich von innen heraus revolutioniert, alte Strukturen zerstört und neue schafft, “schöpferische Zerstörung” eben.

Ob Schumpeter das heute auch so sehen würde?

(!) Geschrieben im Rahmen Mingo Blogparade „Entrepreneurship“.