Die willentliche Fokussierung der Aufmerksamkeit

Wenn man nach 3 Wochen auf einer Almhütte wieder zurück in die Stadt kommt, dann braucht es ein paar Tage, bis sich das schockierende Gefühl wieder legt, dass dieses hektische und dichte Treiben in einem auslöst. Kostet man einmal von dieser süßen Frucht der Stille und grundsätzlichen Abwesenheit von Hektik, dann kommt man nur schwer wieder davon los. Im Gegenteil, es schlägt einem der Kontrast der Großstadt und des „daily business“ voll ins Gesicht.

Schon orten Trendforscher eine neue Welle. Die NZZ schreibt vom „neuen Hüttenzauber“ und portraitiert Garten- und Waldhäuschen, die zu Büros im Stillen umfunktioniert werden. Shedworking heißt das dann.

„Ein paar Schritte durch den Garten statt Verkehrsstau und Platzrangelei im öV. Ein entspannter Blick ins Grüne anstelle der tristen Aussicht auf Mauern und Pulte. Keine nervenden Kollegen, dafür angenehmes Vogelgezwitscher. Ein Traum? Keineswegs.“

Nun hat nicht jeder einen Garten oder einen Schuppen, den er zum schöpferischen Ort umfunktionieren kann – aber dennoch sollten wir diese Sehnsucht nach „in Ruhe arbeiten“ nicht ignorieren und sie als unmöglich erklären. Ich sehe dabei keine romantische Sehnsucht nach Natur, sondern mehr das tiefe Bedürfnis nach Ungestörtheit.

Vielleicht weil gerade unsere Zeit mit ihren vielfältigen Herausforderungen wieder eine neue Qualität an kreativer Problemlösung benötigt, die nur in den seltensten Fällen in hektischen Umgebungen vollbracht werden kann. Raum schafft Kultur, der Wohlfühl-Faktor bestimmt die Leistungsfähigkeit.

Gerade als Unternehmer kennt man das Problem, denn „in der Firma“ kommt man selten zu den zentralen Unternehmeraufgaben. Die brauchen eben Ruhe, Konzentration und Weitblick. Im Gespräch mit meinem unternehmerischen Freund Johannes Frühmann kamen wir zur Conclusio, dass man eigentlich nicht „ins Büro“ gehen darf, wenn man wirklich voran kommen will. Paradox.

Dabei geht es nicht um Möbel, Farben oder Kreativräume – sondern um die ständige Unterbrechung. Die hat neben den Kollegen und dem Telefon mit Social Media quasi eine übermächtige Verstärkung bekommen. Zerstreuung in Form von Apps, Streams und Likes.

Es bleibt bei mir die Überzeugung: Jene, die es heute schaffen sich neue Ruhe-Räume für Kreativ- und Strategiearbeit zu erkämpfen und dabei die äußeren, hochfrequenten Ablenkungsquellen konsequent zu reduzieren, werden in den nächsten Jahren eine schöpferische Überlegenheit aufbauen können, deren Ausmaß gewaltig sein kann. Das verdient zumindest eine ernste Auseinandersetzung mit der Frage, ob man selbst etwas im Alltag ändern könnte – oder sollte. Müsste?

Das führt mich zu einer Fotografie des visionären Wissenschaftlers Nikola TESLA, das mich in seinen Bann gezogen hat. Auch wenn sicherlich inszeniert, zeigt es für mich einen Arbeitsmodus den wir fast verloren haben: Konzentration. 

Wikipedia: Konzentration (lat. concentra, „zusammen zum Mittelpunkt“) ist die willentliche Fokussierung der Aufmerksamkeitauf eine bestimmte Tätigkeit, das Erreichen eines kurzfristig erreichbaren Ziels oder das Lösen einer gestellten Aufgabe.


Okt 04, 2012 4 Kommentare Wirtschaft

 
Frag Mike sagt:

Die “richtige” Arbeitsumgebung ist sehr wichtig. Und dabei spreche ich aus Erfahrung!

Das spricht mir natürlich aus der Seele. Hinzufügen möchte ich noch, dass ich zeitweise Internetaskese noch wichtiger finde als Büroaskese (Dein Verweis auf unser Gespräch stimmt allerdings insofern, als diese beiden die Tendenz haben zu korrelieren).

Trotzdem: In Bezug auf Büro scheint mir die richtige Mischung entscheidend – nachdem ich mich ja sehr glücklich schätzen kann, ein wunderschönes Büro gemeinsam mit höchst inspirierenden Menschen zu bespielen.

Genau diese Erfahrung mache ich auch immer auf meiner Almhütte. Heute morgen ist mir dann die Idee gekommen, dass man zu einem Hotel ganz kleine Einheiten dazubauen könnte. Nur ein Bad, ein Bett, Kühlschrank und Herdplatte, einen Kasten. und einen fahrbaren Tisch, kein Fernseher. Die Front in Glas, um auf eine schöne Aussicht zu blicken aber getrennt von anderen Einheiten. Motto:
” ICH – EINFACH – ICH” Das Essen könnte gemeinsam in einem Haupthaus eingenommen werden. Oder wenn man fasten möchte ist auch das möglich.
Dort auch Wäsche und andere Infrastruktur, Bücher, Seminare usw.
Alles gebaut aus lokalen Materialien, Holz und Stein mit einer kleinen Terasse zum Sitzen in der frischen Luft. Vom Design her könnte auch eine Schneckenhausform lustig sein.

Veronika sagt:

Wow, genau so ist es. Es gibt mir Hoffnung, dass immer mehr Menschen von diesem Gefühl der Stille und der Entschleunigung berichten. Vielleicht ist das ja der Beginn einer Trendwende… Veronika