Hilfe, ich finde Carsharing doof

Dez 17, 2011 8 Kommentare Scheerenschnitt, Zukunftsfähigkeit

Vielleicht habe ich etwas übersehen? Habe ich den wirklichen Sinn nicht entdeckt? Manche nannten mich schon einen Nachhaltigkeits- Fetischisten. Wie also kann ich Carsharing plötzlich doof finden? Es kämpft in mir.

Vorgeschichte: Vor wenigen Wochen startete das städtische Carsharing Unternehmen „car2go“ auch in Wien. Wie viele andere habe ich das alternative und schick gestaltete Angebot positiv aufgenommen, brav auf Facebook beworben und mich registriert. Das Problem: Hier ist meine car2go Geschichte bereits vorbei. Ich finde einfach keinen sinnvollen Nutzungskontext für mich.  

Ich suche den Sinn, mich mit einem winzigen Auto durch den Stadtverkehr zu kämpfen und mein eigener, unbezahlter Taxifahrer zu werden. Dazu mit einem Auto, dass trotz seiner Winzigkeit zirka so viel verbraucht wie ein neuer VW Passat Bluemotion (Normverbrauch- Angabe laut Hersteller: Smart: 4,5l – Passat: 4,3l/100km). Ich suche den Sinn, mit dem Auto im Stau zu stehen, anstatt mit der U-Bahn unterhalb durch zu sausen und ein Magazin zu lesen. Ich suche den Sinn, denn auch größere Einkäufe (z.B. Möbel) kann ich mit dem Smart nicht erledigen. Ich suche den Sinn, mir ein Auto IN DER STADT zu mieten, um die Elektro- Öffis dafür stehen zu lassen.

„Durch car2go wird das Verkehrsvolumen von Wien effizienter, schneller und mit weniger Fahrzeugen bewegt. Der Verkehr in der Innenstadt wird entlastet, was der Umwelt, der Stadt und schließlich jedem Einzelnen zu Gute kommt.“ (Quelle: car2go).

Ein schönes Versprechen. Doch: Unwahrscheinlich, dass jene, die tagtäglich mit dem eigenen Auto in die Stadt fahren, auf car2go umsteigen werden. Vom Umland kommend ist es auch nicht möglich. Wie soll sich das Versprechen von car2go einlösen?

Vielleicht kann car2go aber seinen Sinn für nicht so einfach erreichbare Ziele in der Stadt entfalten? Eine Stunde kommt auf 12,90 Euro. Mit dem Geld kann ich weiter kommen, als mit einem Taxi. Aber: Ich müsste das Auto ja auch während meines Termins oder Einkaufs weiter vor der Haustüre blockieren, um auch wieder heim zu kommen. Das macht weitere 5,40.- Euro pro Stunde für das Stehen. Zahlt sich das aus?

Die Wiener Öffis kosten nun 1.- Euro pro Tag (bei einem Jahresticket um 365.- Euro). Haben wir es wirklich so eilig, dass wir in einer Stadt mit einer so hohen Dichte von öffentlichen Verkehrsträgern, keine 5 Minuten auf die Straßenbahn warten können?

Carsharing in der Stadt, ein Wolf im Schafspelz? Hilfe, ich finde dieses städtisches Carsharing doof. Hab ich was übersehen?

  • Nachtrag: Danke Hans Peter Waldbauer für den Link. Auch der VCÖ hat ein ähnliches Urteil gefällt
  • Nachtrag: Private, lokale Carsharing- Lösungen wie jene von Caruso sind vielversprechend

PS: Ich besitze kein Auto, miete aber für Ziele am Land und in den Bergen, die öffentlich schwer erreichbar sind, je nach Programm die passenden Autos.

8 Kommentare zu “Hilfe, ich finde Carsharing doof”

  1. Andreas Ostheimer says:

    Bin voll Deiner Meinung, in der Stadt macht ein Auto fast keinen Sinn, wenn man größere Einkäufe außer Acht lässt und auf die Kosten schaut.
    Bei größeren Einkäufen (Wocheneinkauf, Möbel und Baumarkt) kommt man ohne Auto nur schlecht zurecht, aber vielleicht sollte der Trend in der Stadt auch wieder hin zur Nahversorgung gehen.

    Übrigens: Die Verbrauchsangaben für Stadtverkehr sind falsch – ein 2 Tonnen Passat verbraucht leider mehr als 4,3l – bitte besser recherchieren.

  2. Hannes Offenbacher says:

    Tut mir leid, der Passat Bluemotion TDI verbraucht auf 100km nur 4.3 Liter. Habe ich auf der Website recherchiert und selbst schon mit einem Mietauto erlebt. Natürlich ist das der Laborwert.. aber das sind alle diese Angaben, auch der vom Smart.

  3. Michael Vesely says:

    Macht für mich schon Sinn: Alle 4-6 Wochen fahre ich zum Metro einkaufen (Frischhaltefolien, Alufolien, WC-Papier, Papierhandtücher). Passt alles in den Kofferraum eines Smart.

  4. Rudi Hämmerle says:

    Ich finde http://www.caruso.mobi eine interessante Lösung!
    Die Nutzergruppen machen sich die Rahmenbedingungen selber aus. CARUSO bringt die nötige Infrastruktur ein. Das funktioniert auch mit E-Autos.

  5. Johannes Frühmann says:

    Ich kann deinen Gedanken einiges abgewinnen, Hannes. Vielen Dank für die scharfe Analyse.

    In Graz bin ich zu 99% mit dem Rad bzw. öffentlich unterwegs. Und wenn dann mal doch das Auto notwendig wird in der Stadt, ist der Trade off hoch. Vielleicht ist so manchem autophilen Mobilen gar nicht bewusst, wie schnell und komfortabel die Alternativen zum Auto (in der Stadt) sind?

    Für mich ist eine Autonutzung im Mobilitätsmix dort interessant, wo das Rad zu kurz greift und die Öffis nicht mehr hinfahren – abgesehen vom Transport schwerer Güter inkl. Kinder…

    @Rudi: Caruso sieht auf den ersten Blick tatsächlich spannend aus. Dezentral organisiertes Carsharing. Bin gespannt, wie sich das entwickelt : )

  6. Martin Maitz says:

    Hallo Hannes!

    Wir hatten ja bei Innovationskongress, die Leute von Carsharing Denzel hier. Ich denke, das diese Konzept nur in gewissen Nischen z.B. als Ersatz für das erst oder zumindest zweit Auto oder Pendler die von anderen Bundesländer kommen und etwas auserhalb von Wien z.B. Kahlenberg zu erledigen haben ;-) , eine spannende Ergänzung zum öffentlichen Verkehr sind.

    Vor allem sollte es in der Innenstadt – E-Autos sein ;-)

    Liebe Grüße
    Martin

  7. Matthias says:

    Nein, du hast nichts übersehen. Es ist tatsächlich sinnlos. In der Stadt kann man fast immer auf ein Auto verzichten. Und für die Unternehmungen, für die man ein Auto gebrauchen könnte, sind die Carsharing Konzepte allesamt zu unflexibel.
    Für große Einkäufe sind die Autos zu klein, für Ausflüge bei denen man es Abends wieder zum Heimfahren braucht, ist ein klassischer Mietwagen günstiger.

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