Und plötzlich ist es still

Okt 02, 2011 11 Kommentare Scheerenschnitt, Zukunftsfähigkeit
 

Wenn ich morgens meine Wohnung im grünen Stadtrand verlasse, erfreue ich mich oft so wunderbaren Geräuschen wie Vogelgezwitscher, raschelnden Blättern im Wind und Gesprächen zwischen Anrainern. Ich sauge diese feine, akkustische Kulisse in mich auf, denn ich weiß leider, dass diese in wenigen Minuten verstummt. Spätestens, wenn ich drei Stationen mit der Straßenbahn hinter mir habe, tauche auch ich in eine der größten Idiotien des 21. Jahrhunderts ein: Ungebremster Innenstadtverkehr.

Ich nenne es gerne das Krebsgeschwür moderner Städte – und wahrlich braucht es eine radikale Wortwahl, um die Dramatik angemesen weiterzutragen. Eines vorweg: Ich bin kein Autohasser. Ich liebe Autofahren und die mobile Freiheit. Doch das, was uns visionslose PolitikerInnen hier passiv geschaffen haben, kann man nur als eine der größten Idiotien der Neuzeit sehen. Würde man Stadtplaner aus dem 19. Jahrhundert mittels Zeitmaschine in die Neuzeit holen, sie würden es nicht fassen können. Sie wären schockiert von der Untätigkeit der Verantwortlichen und überwältigt vom negativen Ausmaß des urbanen Verkehrschaoses. Sie hielten uns für verrückt.

Im Großstadt- Koma

Jetzt mal zum Begreifen: Die Stadt, in der wir leben und arbeiten ist ein LEBENSraum. Unser LEBENSraum. Wer von uns würde sich diesen Verkehr bewusst wünschen? Wer würde ihn vermissen? Doch der Mensch ist wie der bekannte Frosch im Topf, der wenn man ihn ins kalte Wasser setzt und es dann langsam erhitzt, nicht merkt, dass er lebendig gekocht wird. Da fahre ich täglich an Cafes und Restaurants mit Tischen im Freien vorbei. Mit Staunen beobachte ich dort Menschen, die es schaffen die 50dB Lärm (und den Gestank), der nur wenige Meter vor ihrer Nase vorbei düst, nicht einmal mehr wahrnehmen. Sie befinden sich für mich in einer Art Koma.

Untätig und ignorant sitzen unsere “PolitikerInnen” im Rathaus und wagen es nicht dieses heißes Eisen anzufassen. Natürlich haben sie Angst vor Citymaut und Fahrverboten. Sie könnten dabei ja ihren bequemen Sessel bei der nächsten Wahl abgeben müssen. Auch Victor Gruen, der visionäre, österreichische Architekt und Stadtplaner, wurde 1974 bekämft und erhielt sogar Morddrohungen, als er die Wiener Kärntner Straße zur Fußgängerzone machen wollte. Heute gilt sie – auch für die untätigen PolitikerInnen – als stolzes Vorzeigeprojekt der Stadt Wien. Jaja, zuerst wird man belächelt, dann bekämpft und am Ende gefeiert.

Weg vom bösen Auto – hin zu positiven Zukunftsbildern

Wir müssen umdenken. Vor allem die VerantwortungsträgerInnen mit Gestaltungsmacht. Selbstverständlich will niemand seine bequemen Gewohnheiten ändern. Niemand mehr für seine notwendige Mobilität zahlen. Niemand will sich heute “einschränken” lassen. Deshalb braucht es einen Fokuswechsel: Es braucht endlich positive Zukunftsbilder. Versuchen wir es doch und stellen uns vor, wie es wäre, wenn Wien die lärmfreiste, gesündeste und sicherste Stadt der Welt wäre. Wollen wir das nicht alle – vor allem für unsere Kinder? LÄRMFREI. GESUND. SICHER. Könnt ihr es euch vorstellen? Könnt ihr es – nicht – hören?

Ich weiß, es scheint aus der Mode gekommen sein, aber positive Bilder bewegen, fesseln und motivieren. Da will man mitmachen. Anpacken. Ich persönlich träume von einem Wien, das es sich zum Ziel gesetzt hat ein Leuchtturm unter den globalen Großtstädten zu werden. Ein Touristenmagnet und ein lebenswerter Wohnort. Ein Ort an dem die Praxis der Zukunft passiert. Wir müssen weg vom Jammern über das, wie Wien heute ist, hin zu den kraftgebenden Bildern, wie Wien morgen sein könnte.

Natürlich. Für große Ziele braucht es Mut zum Risiko. Natürlich muss das Öffi Ticket günstiger werden. Natürlich muss mehr Raum für RadfahrerInnen & FußgängerInnen geschaffen werden. Natürlich muss der mobile Verkehr Schritt für Schritt reduziert werden und E-Mobilität gefördert werden. Und: Man muss systemisch intelligent ansetzen. Parkhäuser am Stadtrand müssen konsequent kostenlos sein, um so leicht zum Umsteigen einzuladen. JA – man wird investieren müssen. In unsere Zukunft. Das lohnt sich aber.

LÄRMFREI. GESUND. SICHER.

Zum Abschluss ein wunderbares Zitat von David Feinstein & Stanley Krippner, das sich jeder Politiker über den Schreibtisch hängen sollte, um es jeden Tag im Blick zu haben. Es würde so viel ändern. Ja, ich bleibe Optimist.

“Positive Zukunftsbilder sind eine mächtige und magnetisch wirkende Kraft. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen uns und diesen Bildern. Sie ziehen uns voran und geben uns Energie, Mut und Willenskraft, in wichtigen Augenblicken die Initiative zu ergreifen. Negative Vorstellungen der Zukunft haben ihren eigenen Magnetismus: Sie ziehen unsere Lebensgeister hinunter auf den Weg der Verzweiflung und Kraftlosigkeit.”

Besser geht’s immer. Also bitte lassen wir auch das Argument, wie toll Wien in diversen (fraglichen) Rankings dasteht in der Trollkiste. Es geht nicht um einen Vergleich nach unten. Und überhaupt: Unter den Blinden ist der Einäugige König.

 

  • Info: Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade “Urbane Mobilität” des ÖkoEnergie Blogs.
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11 Kommentare zu “Und plötzlich ist es still”

  1. Nico Schweinzer says:

    Wunderbarer Artikel, da er klar aufzeigt, was zwar so offensichtlich ist, aber für so viele schon zur Normalität wurde. Ich denke, dass ein Ansatz auch der wäre, dass man nicht immer nur komplett in die andere Richtung denkt, sondern z.B. auch daran, wie man vorhandene (negativ besetzte) Energien in einem gewissen Ausmaß so einsetzen kann, dass sie maximalen Sinn haben bei so geringem Schaden wie möglich.

    Ein (zugegeben nicht weit gedacht) Ansatz wäre in meinen Augen (klingt vielleicht etwas utopisch), einen Straßenring um die Stadt zu ziehen im nötigen Radius, mit Seitenstraßen die an wichtige Anfangspunkten der Stadt enden und wo es möglich ist sein Fahrzeug abzustellen und umzusteigen (auf Öffis, auf Fahrräder, auf zu Fuss, ….).

    Ich weiß, dass Resignation selten zu etwas führt (außer man hat nicht erkannt, dass man sich geirrt hat und wird durch Resignation erst auf den Gedanken gebracht). Trotzdem macht sich in meinen kreativen Phasen immer Müdigkeit breit, wenn ich an das Thema Verkehr denke. Wenn ich mit einer zweiten Person mit dem Zug nach Wien zum Flughafen und zurück fahre und mir das 110€ kostet, bin ich verstört, etwas fassungslos und traurig.

    Wenn die ÖBB dann nicht einmal schafft, genügend Sitzplätze für diese extremen Preise zur Verfügung zu stellen und man dann noch in einem Waggon steht, der keine Klimatisierung hat, fragt man sich tatsächlich einige male, warum man sich nicht einen PKW ausgeborgt hat und klimatisiert, sitzend und unkompliziert dorthin gereist ist…

    Danke jedenfalls, lieber Hannes, dass du mich wieder ein wenig in dieser Ecke getriggert hast, ich hab’s genossen und werde positive Zukunftsbilder erschaffen, erstmal für mich, um zu sehen, was aus diesem Samen, den du da in mir gesetzt hast, wird :)

    Love,
    Nico

  2. Markus says:

    Danke Hannes für diesen Beitrag, du sprichst mir aus der Seele! Auf den Punkt gebracht!
    Ich wundere mich auch oft, wie sehr eigentlich unerträgliche Zustände heute akzeptiert und nicht mehr hinterfragt werden.
    Eine verkehrspolitische Vision und klare Ziele fehlen völlig.

    Zum Glück gibt es auch einige positive Ansätze, die aber leider zu wenig bekannt sind, zwei Beispiele:

    In Salzburg macht der Verein “fairkehr” mit Straßenfesten darauf aufmerksam, wie der öffentliche Raum lebenswerter genutzt werden könnte. http://www.fairkehr.net/

    In Sachen öffentlicher Verkehr ist Karlsruhe ein weltweiter Vorreiter, hier zwei (schon etwas ältere) Beiträge: http://wstreaming.zdf.de/3sat/300/nano_060926_karlsruhebahn_16zu9.asx
    bzw. http://www.youtube.com/watch?v=Eulo-cOsnZU

  3. Verkehr haben – aber richtig | Nox Vobiscum! » Roland B. Seper says:

    [...] Offenbacher: Und plötzlich ist es still Bitte weitersagen:ShareShareE-MailDrucken Dieser Beitrag wurde unter Politik & Soziales, [...]

  4. Zum Thema “Urbane Mobilität der Zukunft” | AndreasLindinger.AT says:

    [...] Hannes Offenbacher: Und plötzlich ist es still [...]

  5. Klaus says:

    Lieber Hannes,

    ja … ja … ja … auch ich kann in diesem Artikel viele, viele Ideen/Gedanken/Ansätze finden, die mir zusagen … die für viele Leser (eigentlich) SELBSTverständlich sind/sein sollten. Wer hat das deutsche Wort “eigentlich” eigentlich erfunden und was genau ist der Sinn dieses Wortes? (*grins*)

    Mir gefällt auch die “radikale Wortwahl” – wie du sie nennst. Dabei ist sie wohl noch gar nicht “richtig radikal” ;-) Danke vor allem für die “das Glas ist halbVOLL”-Sichtweise, die leider in vielen, vielen “Weltuntergangs-” und “Krisenszenarios” aktuell eher eine Minderheitenmeinung darstellen. DANKE!

    Ein zentraler Blickwinkel geht mir aber leider ab, den ich noch gerne ergänzen will anhand zweier Zitate aus deinem ansprechenden Artikel:

    1. “Doch das, was uns visionslose PolitikerInnen hier passiv geschaffen haben, kann man nur als eine der größten Idiotien der Neuzeit sehen.”

    Kann und will ich gar nichts daGEGEN schreiben – “like”, aber jeder (Leser) hier muss sich da zu (s)einer eigenen PASSIVität auch bei der Nase nehmen! Wie oft habe ich mich beim Benützen des Autos schon geärgert über die ANDEREN und wie oft habe ich mich im selben Moment gefragt warum ICH SELBST nicht anders unterwegs bin? (ehrliche Antwort!) Warum benütze ich das Auto, das Flugzeug etc.? Weil ICH SELBST schneller sein will, weil praktischer, weil weniger Aufwand, weil “cool”, weil “freiheitsliebend”, ja – weil vielleicht sogar “billiger” (zumindest wenn man “nur” die Tankfüllung und die Versicherung rechnet, aber vieles andere in der Kalkulation “vergißt”). Weil ich endlich MEINEN Urlaub in … machen will den ich mir VERDIENT habe, weil ich … will, muss, will, muss, … Bin hier der etwas weniger “Radikale” … darum beende ich die “Endloschleife”.

    2. “JA – man wird investieren müssen. In unsere Zukunft. Das lohnt sich aber.”

    Auch hier will ich gar nichts daGEGEN schreiben und “nur” ergänzend an unser freiheitsliebendes, westlich geprägtes INDIVIDUUM appellieren: In die Zukunft investieren sollten nicht nur “unsere Politiker” mit unserem Steuergeld sondern AKTIV jeder einzelne für SICH SELBST. … und hier meine ich nicht nur den engen Begriff von monetären Investitionen sondern vor allem DEMUT, VERZICHT, DANKBARKEIT, WERTSCHÄTZUNG und ACHTSAMKEIT gegenüber unserer UM- und MITwelt. Wenn das jeder EINZELNE von uns (langsam) versteht, dass niemand von uns ALLEINE ist auf/in dieser Welt und dass alles was wir tun wiederum Auswirkungen auf unser/e Umfeld/Umwelt hat, dann kommen wir auch bei diesem wichtigen Thema auf den “richtigen Weg”. Was ist die Ursache – was ist die Wirkung?

    Ohne nun noch weise Menschen aus der Vergangenheit und Gegenwart zu zitieren würden wir wohl ALLE mit diesem offenen, ganzheitlichen aber gleichzeitig doch auch individuellen Zugang (jeder beginnt bei sich SELBST) nicht “Einäugige Könige unter den Blinden” sein sondern uns vielleicht – als Utopie – von der “Blindheit” verabschieden und einen “neuen Weg” in die Zukunft gehen. “Lärmfrei.gesund.und.sicher”!

  6. hans-peter says:

    hallo hannes,

    danke dir! ich stimme dir grundsätzlich zu:

    einen punkt möcht ich aber doch ansprechen, weil ich den zusammenhang nicht versteh:

    du schreibst: “Natürlich muss der mobile Verkehr Schritt für Schritt reduziert werden indem man E-Mobilität fördert”.

    heisst das nicht vereinfacht gesagt, dass ein benzin- oder dieselauto durch ein e auto ersetzt wird?

    für mich ist das auch nicht der weisheit letzter schluss… wie du vielleicht schon gelesen hast :)

    daher bin ich für einen wechsel. weg vom auto, hin zum fahrrad und zu öffis. konsequent. – ich denke positiv und hab zukunftsbilder eines lebenswerten wien im kopf :)

  7. naturklug #29 – 5 Gründe, nicht mit dem Rad zu fahren. says:

    [...] Offen­bacher: Und plöt­zlich ist es still [...]

  8. Hannes Offenbacher says:

    @hans-peter: Ohne der Utopie zu erliegen, dass wir alle nur noch gehen und Fahrrad fahren – ist der Umstieg auf E-Mobilität der zentrale Hebel. (1) Sind ja auch Straßenbahnen und U-Bahnen Elektrofahrzeuge und damit inkludiert und (2) wäre es ein gutes Steuerungselement, wenn man z.B. Kleintransporter und Mopeds ausschließlich mit E-Motorisierung in die Städte fahren lassen würde. Dort ist der Umstieg problemlos, die Reichweite genügend und es wäre in Sachen Abgasreduktion und Lärmverminderung viel getan. So hatte ich das gemeint.

  9. Mein Name ist Franz Joseph und ich habe das Über-die-Straße-gehen erfunden says:

    [...] Hannes Offenbacher: Und plötzlich ist es still [...]

  10. Stefan Mey says:

    Finde, dass Wien gutes Potenzial hat, internationaler Benchmark zu werden. Während meiner Reisen habe ich kaum eine andere Hauptstadt gesehen, die so sauber, sicher und ruhig ist wie Wien. Allzu utopisch ist deine Vision also nicht :)

  11. Hannes Offenbacher says:

    @Stefan: Und auch du tust es. Du setzt die aktuelle “Qualität” von Wien nicht in Verhältnis zum Wohlstand und dem hoch entwickelten demokratischen System, das wir haben. Mit Indien z.B. brauchen wir uns nicht vergleichen, um uns dann auszuruhen. Und der Gürtel, der Ring oder andere Verkehrsadern können wohl niemals als “ruhig” bezeichnet werden. Wissen alle, die dort eine Wohnung haben ;)

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