Und plötzlich ist es still

Mountain bike

Wenn ich morgens meine Wohnung im grünen Stadtrand verlasse, erfreue ich mich oft so wunderbaren Geräuschen wie Vogelgezwitscher, raschelnden Blättern im Wind und Gesprächen zwischen Anrainern. Ich sauge diese feine, akkustische Kulisse in mich auf, denn ich weiß leider, dass diese in wenigen Minuten verstummt. Spätestens, wenn ich drei Stationen mit der Straßenbahn hinter mir habe, tauche auch ich in eine der größten Idiotien des 21. Jahrhunderts ein: Ungebremster Innenstadtverkehr.

Ich nenne es gerne das Krebsgeschwür moderner Städte – und wahrlich braucht es eine radikale Wortwahl, um die Dramatik angemesen weiterzutragen. Eines vorweg: Ich bin kein Autohasser. Ich liebe Autofahren und die mobile Freiheit. Doch das, was uns visionslose PolitikerInnen hier passiv geschaffen haben, kann man nur als eine der größten Idiotien der Neuzeit sehen. Würde man Stadtplaner aus dem 19. Jahrhundert mittels Zeitmaschine in die Neuzeit holen, sie würden es nicht fassen können. Sie wären schockiert von der Untätigkeit der Verantwortlichen und überwältigt vom negativen Ausmaß des urbanen Verkehrschaoses. Sie hielten uns für verrückt.

Im Großstadt- Koma

Jetzt mal zum Begreifen: Die Stadt, in der wir leben und arbeiten ist ein LEBENSraum. Unser LEBENSraum. Wer von uns würde sich diesen Verkehr bewusst wünschen? Wer würde ihn vermissen? Doch der Mensch ist wie der bekannte Frosch im Topf, der wenn man ihn ins kalte Wasser setzt und es dann langsam erhitzt, nicht merkt, dass er lebendig gekocht wird. Da fahre ich täglich an Cafes und Restaurants mit Tischen im Freien vorbei. Mit Staunen beobachte ich dort Menschen, die es schaffen die 50dB Lärm (und den Gestank), der nur wenige Meter vor ihrer Nase vorbei düst, nicht einmal mehr wahrnehmen. Sie befinden sich für mich in einer Art Koma.

Untätig und ignorant sitzen unsere “PolitikerInnen” im Rathaus und wagen es nicht dieses heißes Eisen anzufassen. Natürlich haben sie Angst vor Citymaut und Fahrverboten. Sie könnten dabei ja ihren bequemen Sessel bei der nächsten Wahl abgeben müssen. Auch Victor Gruen, der visionäre, österreichische Architekt und Stadtplaner, wurde 1974 bekämft und erhielt sogar Morddrohungen, als er die Wiener Kärntner Straße zur Fußgängerzone machen wollte. Heute gilt sie – auch für die untätigen PolitikerInnen – als stolzes Vorzeigeprojekt der Stadt Wien. Jaja, zuerst wird man belächelt, dann bekämpft und am Ende gefeiert.

Weg vom bösen Auto – hin zu positiven Zukunftsbildern

Wir müssen umdenken. Vor allem die VerantwortungsträgerInnen mit Gestaltungsmacht. Selbstverständlich will niemand seine bequemen Gewohnheiten ändern. Niemand mehr für seine notwendige Mobilität zahlen. Niemand will sich heute “einschränken” lassen. Deshalb braucht es einen Fokuswechsel: Es braucht endlich positive Zukunftsbilder. Versuchen wir es doch und stellen uns vor, wie es wäre, wenn Wien die lärmfreiste, gesündeste und sicherste Stadt der Welt wäre. Wollen wir das nicht alle – vor allem für unsere Kinder? LÄRMFREI. GESUND. SICHER. Könnt ihr es euch vorstellen? Könnt ihr es – nicht – hören?

Ich weiß, es scheint aus der Mode gekommen sein, aber positive Bilder bewegen, fesseln und motivieren. Da will man mitmachen. Anpacken. Ich persönlich träume von einem Wien, das es sich zum Ziel gesetzt hat ein Leuchtturm unter den globalen Großtstädten zu werden. Ein Touristenmagnet und ein lebenswerter Wohnort. Ein Ort an dem die Praxis der Zukunft passiert. Wir müssen weg vom Jammern über das, wie Wien heute ist, hin zu den kraftgebenden Bildern, wie Wien morgen sein könnte.

Natürlich. Für große Ziele braucht es Mut zum Risiko. Natürlich muss das Öffi Ticket günstiger werden. Natürlich muss mehr Raum für RadfahrerInnen & FußgängerInnen geschaffen werden. Natürlich muss der mobile Verkehr Schritt für Schritt reduziert werden und E-Mobilität gefördert werden. Und: Man muss systemisch intelligent ansetzen. Parkhäuser am Stadtrand müssen konsequent kostenlos sein, um so leicht zum Umsteigen einzuladen. JA – man wird investieren müssen. In unsere Zukunft. Das lohnt sich aber.

LÄRMFREI. GESUND. SICHER.

Zum Abschluss ein wunderbares Zitat von David Feinstein & Stanley Krippner, das sich jeder Politiker über den Schreibtisch hängen sollte, um es jeden Tag im Blick zu haben. Es würde so viel ändern. Ja, ich bleibe Optimist.

“Positive Zukunftsbilder sind eine mächtige und magnetisch wirkende Kraft. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen uns und diesen Bildern. Sie ziehen uns voran und geben uns Energie, Mut und Willenskraft, in wichtigen Augenblicken die Initiative zu ergreifen. Negative Vorstellungen der Zukunft haben ihren eigenen Magnetismus: Sie ziehen unsere Lebensgeister hinunter auf den Weg der Verzweiflung und Kraftlosigkeit.”

Besser geht’s immer. Also bitte lassen wir auch das Argument, wie toll Wien in diversen (fraglichen) Rankings dasteht in der Trollkiste. Es geht nicht um einen Vergleich nach unten. Und überhaupt: Unter den Blinden ist der Einäugige König.