So reisen Denker
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Wir leben in sonderbaren Zeiten. Es wimmelt von absurden Denkverwirrungen. Eben in den IC eingestiegen, drängt sich mir eine besonders schöne auf: Bahnfahren ist langsam und kostet Zeit. Ist doch so. Für meine Strecke Wien – Judenburg benötige ich mit der schnellsten Verbindung 2h 30 Minuten. Google Maps berechnet mir für die Autofahrt 1h 50 Minuten. Eindeutig schneller.
Doch man sollte einen zweiten Blick investieren. Es ist überraschend, aber der überzeugte Autofahrer spricht von einem Zeitverlust, wenn er die Bahn nimmt – und das obwohl er im Vergleich zum Bahnfahren im Auto die „Arbeit“ des Lenkens des Transportmittels selbst übernehmen muss. Er ist sozusagen sein eigener Taxifahrer. Ohne etwas zu verdienen. Da bleibt entsprechend wenig Zeit zum Nachdenken, vorausgesetzt man ist ein aufmerksamer Autofahrer. Essen, lesen oder schlafen fallen logischerweise gänzlich weg.
Wo liegt nun die Zeitersparnis? So gesehen verliert der Autofahrer auf der Strecke Wien-Judenburg eben genau 1h 50 Minuten gegenüber dem Bahnfahrer an nutzbarer „Lebenszeit“. Diese kann man mit Autofahren also wohl nicht gewinnen. Flexibilität schon. Die Rechnung geht natürlich auch nur dann auf, wenn man von A nach B muss und nicht auch noch nach C, D und E ohne vernünftige Anschlüsse der öffentlichen Verkehrsmittel.
Dennoch: Eben sitze ich im ICE. Die Schuhe habe ich ausgezogen und gegenüber hoch gelegt. Ich trinke Kaffee, gönne mir etwas Süßes und beobachte die vorbeiziehende Landschaft. Ich werde gleich den Laptop zu klappen, in Ruhe ein „Brand eins“ Magazin lesen, die letzten Wochen Revue passieren lassen und in die Zukunft denken.
Bahnfahren. So reisen DenkerInnen. Der Zug, mehr als nur Transportmittel, sondern auch Freiraum für WissensarbeiterInnen, Kreative, Autoren und Strategen. Oase der Ruhe. Auch weil hier das Internet und das Telefon nicht wirklich funktionieren. Begreift man Bahnfahren mit diesem Mehrwert, ist auch der Preis plötzlich ziemlich günstig.
Ich sollte mich als Marketing Chef bei der ÖBB bewerben. Ha!
PS: Nein – ich habe keine Zuwendungen der ÖBB erhalten, um diesen Artikel zu schreiben.
[Edit]: Meine Bewertung bezieht sich auf meinen persönlichen Kontext einer geschäftlichen Reise.
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Genau meine Meinung. So in etwas antworte ich auch immer auf die Frage: “Geht dir das Pendeln jeden Tag nicht auf den ****”?”
Ich fahre auch täglich ca. 1 Stunde zur Arbeit und wieder heim. Mit dem Auto geht’s in halber Zeit, evt. Staus nicht mit einberechnet.
sitze seit drei jahren werktags täglich bis zu 240 min im zug und geniesse es immer noch!
Auch ich sitze taeglich 3 Stunden in oeffentlichen Verkehrsmitteln. Wobei die Bahn dabei das angenehmste ist. Hier stimme ich dem Autor auch voellig zu. Ich befuerchte allerdings dass die OEBB nicht wirklich Interesse zeigt den Pendlern auch in Zukunft diese Lebensqualitaet zu bieten. Lieber nur Strecken bedienen die anscheinend viel Geld bringen. Wie der Reisende dann vom Bahnhof wirklich nach Hause kommt ist egal. Das Oeffi zum entlehenen Bauernhof bringt kein Geld und dazu passende Konzepte auszuarbeiten macht scheinbar Kopfweh. So zwingt man Pendler praktisch auf die Strtasse.
sehe das wie du. wenn ich alleine bin fahre ich auf weitere strecken viel lieber mit dem zug, weil ich dabei einfach auch etwas erledigen kann – auch wenn ich mein auto liebe und es auch sehr oft nutze.
Schöner Beitrag. Aber eine Anmerkung: Es gibt keinen ICE (InterCity Express) auf der von dir genannten Strecke, der ICE ist eine Serie an Hochgeschwindigkeitszügen der DB. Der wohl eher gemeinte IC (InterCity) ist eine Kategorie von Zug, die sowohl von der Geschwindigkeit als auch der Anzahl der Halte zwischen denen von Regionalzügen und Hochgeschwindigkeitszügen liegt – es ist aber keine bestimmte Zuggarnitur damit gemeint.
Sehe ich genauso! Auch nicht den Stress zu vergessen, der durch unaufmerksame Autofahrer immer öfter entsteht.
Aber nicht nur mit dem erwähnten Mehrwert ist Bahnfahren plötzlich ziemlich günstig: Seit kurzem haben sich mit der “Sparschiene Österreich” auch die Preise drastisch reduziert, vorausgesetzt man kann die Fahrt vorab planen. Wien-Salzburg kostet mit etwas Glück dann nur mehr 19 Euro statt 47,50 Euro!
Danke Sebastian – da hast du recht. Seit die ÖBB aber auch ICE Garnituren gekauft hat (eure alten) und mit den vielen Bezeichnungen (OIC, OEC, IC, ICE) kommt man durcheinander
Ein echter ICE wird auf der Strecke erst fahren, wenn der Semmering Tunnel fertig ist.
Ich rechne so: Dauert die Autofahrt 2 Stunden und die Bahnfahrt 3, dann muss ich also 1 Stunde Fahrzeit investieren um 2 Stunden Arbeitszeit (oder Lesezeit etc) zu gewinnen.
Macht in diesem Fall eine Rendite von 200%, also wäre man dumm sie nicht zu tätigen.
Du sprichst es an: Zeit gewinnen durch Entschleunigung. Klingt zwar pervers, ist aber so. Gerade Zeit zu finden um Dinge zu reflektieren, großartig! Und ab und zu funktionieren erfreulicherweise auch keine Mobiles
Ich fahre zum Beispiel Badnerbahn von Oper bis Baden Zentrum. Kein Umsteigen, keine Hetzerei. Ja: augenscheinlich 30 minuten länger, aber ein großes Plus an Energie danach.
Bin voll bei dir – die Anreise / Abreise zum Bahnhof (Öffis) muss man halt fairerweise dazu rechnen – doch auch hier hat man Zeit.
Bin ganz Deiner Meinung!! Und Bahnfahren ist für mich so entspannend, dass ich fast immer zu dösen anfange und ausgeruht und entspannt am Ziel ankomme. Würde ich die Strecke mit dem Auto fahren, müsste ich mich von der Fahrt erst erholen.
Für das Problem der letzten Meile wird es voraussichtlich Mitte nächsten Jahres eine Lösung geben: variogo – Webservice für nachhaltigere Mobilität. Näheres unter http://www.variogo.at
Gerade Autofahren ist ein zunehmender Stressfaktor, obwohl ich bei längeren fahrten auch ab und an über aktuelle Probleme nachdenken kann.
Dennoch werden die Geräte (iPad und Co) immer kleiner und wir somit flexibler mit unseren Arbeitsorten/zeiten @Heinz Grünwald, nämlich auch schon in den U- und S-Bahnen…
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Luxus sich weniger über Geld definiert als über die verfügbare Freizeit – Bahnfahren ist daher dieser wundervolle Luxus, mal die Gedanken schweifen zu lassen, während wer anders das Ruder übernimmt.
Ähnliche Luxusprodukte dieser Art sind imho Schallplatten, Zeitungen auf Papier und sonntags lange schlafen. Sorry übrigens wegen etwaiger Rechtschreibfehler in diesem Kommentar – er ist auf dem Rücksitz einer Autorikscha in Bangalore entstanden.