Quo vadis CSR? Im Gespräch mit Roman Mesicek

Lieber Roman. Du warst lange Zeit Geschäftsführer bei Österreichs führender CSR Plattform – respACT. Wie kann das Thema CSR in das nächste Level gehoben werden und wie kann es den Vorwurf des pressetauglichen “green-washings” überwinden?

Ich persönlich halte nichts von Etikettierungen wie “CSR 2.0″, “nächste Generation von CSR” oder eben “auf die nächste Ebene heben”. Das entsteht meiner Ansicht nach einerseits aus dem Wunsch der Medien, immer einen neue Geschichte – einem neuen knackigen Titel – zu haben. Andererseits ist diese Entwicklung von Begrifflichkeiten schon sehr stark Beratergetrieben, wobei eben jeder versucht seine eigene Nische in diesem potentiellen Markt zu erobern.

Ich selbst bin in dieser Frage ein Anhänger einer “wahren Lehre”, wenn man so will. Bei Corporate Social Responsibility steht es außer Frage, dass ich mich mit meinem Kerngeschäft und dessen ökologischen und sozialen Auswirkungen auseinandersetzen muss. Ebenso wie ich mich mit meinen Anspruchsgruppen im Unternehmen und außerhalb in Beziehung treten muss.

Hier gibt es in der Realität unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der Einführung und Implementierung des Konzepts und eben leider auch immer wieder Unternehmen, die auf der untersten Stufe von CSR – netten Sozialprojekten – stehen bleiben. Vorsätzliches “green-washing” sehe ich im deutschsprachigen Raum allerdings immer weniger. Mein Eindruck ist eher, dass dieses vor allem der Unwissenheit vieler Beteiligter zu danken ist, die sich über die Auswirkungen – und vor allem die Wahrnehmung – von Aktivitäten zu wenig Gedanken macht.

Um die CSR-Geschwindigkeit (Ha, ein neuer Begriff!) zu erhöhen, braucht es meiner Ansicht nach drei Dinge: nach wie vor Bewusstseins- und Weiterbildung bei/in Unternehmen; eine Politik die bereit ist, nachhaltiges Unternehmensverhalten zu honorieren (und das Gegenteil durch Regulierung zu begrenzen); sowie nach wie vor eine aktive Zivilgesellschaft welche die Unternehmen im Auge behält (aber eben auch mit diesen im Dialog steht).

Meinem Anschein nach ist es für große, börsennotierte Unternehmen sehr schwierig CSR wahrhaftig als Querschnittsthema im Unternehmen einzuführen. Das mag an der Orientierung an kurzfristigen Ergebnissen liegen, vor allem aber an den fehlenden Möglichkeiten der Umsetzung. Gerade wenn die internen Ziele von den Konzernmüttern vorgeschrieben werden. Am Ende rutscht CSR dann doch wieder in die PR Abteilung, zum Frust vieler kluger Köpfe in den Unternehmen, die eigentlich mehr wollen.

Doch warum wird die CSR Debatte primär in Zusammenhang mit den wenigen, großen Konzernen geführt? Sollte man sich hier nicht dahingehend weiterentwickeln (vor allem die Journalisten), sodass wir uns mehr auf den Mittelstand – die wirkliche Wirtschaftsgröße – konzentrieren? Scheitern wir hier an unserer Fixierung auf (fiktiver) Größe?

Natürlich ist es für große Unternehmen eine Herausforderung CSR über alle Konzernbereiche hinweg einzuführen und vor allem die Integration zu bewerkstelligen. Ohne eine von der Unternehmenszentrale vorgegebene Strategie wird es aber nicht gehen. Und je nachdem wie gut diese ausfällt bzw. wie gut Ländergesellschaften sich darauf einstellen können, desto besser – und motivierender – ist auch die Umsetzung lokal.

Bei der Diskussion von CSR fällt in der Tat auf, dass oft nur von Großunternehmen die Rede ist. Dies gilt für Journalisten und NGOs ebenso wie für viele Unternehmensvertreter selbst. Nach dem Motto: Die Großen haben mehr Einfluss und müssen deshalb auch mehr Verantwortung übernehmen. Eine ausgewogene Betrachtungsweise, die alle Unternehmen versucht in die Diskussion (und Umsetzung) einzubinden, ist hier sicher vorzuziehen. Schließlich sind viele Klein- und Mittelbetriebe in die Wertschöpfungskette von Konzernen eingebunden und können sich somit auch der CSR-Thematik nicht verschließen.

Eine oft gestellte Frage – oder sagen wir kritische Prognose – ist: Geht dem CSR Thema in naher Zukunft die Luft aus? Oder anders gefragt: Wird man es schaffen, die Themen der sozialen und ökologischen Verantwortung weiter auf der medialen Agenda zu halten? In Sachen CSR Bericht scheint meiner Beobachtung nach langsam die Luft raus zu sein. Oder sind wir hier Gefangene einer Medienwelt, in der wir leider mehr auf die mediale Wirkung als auf die tatsächlichen Ergebnisse blicken?

Wieso sollte dem CSR-Thema die Luft ausgehen? Wenn sich die sozialen und ökologischen Probleme über Nacht in Luft auflösen, dann ja. Ansonsten zeugen Thesen wie diese vor allem von einem Unverständnis dafür, was CSR sein kann und soll: ein Konzept das Unternehmen anwenden können um im Sinne des Unternehmens und der Gesellschaft erfolgreich zu wirtschaften.

Unternehmen kann hier nur geraten werden, sich mit der Sache an sich zu beschäftigen – unabhängig von Begrifflichkeiten, medialen Diskussionen und Zurufen von außen. Ich vertrete in dieser Angelegenheit wahrscheinlich einen sehr konservativen Ansatz: die Betriebe arbeiten lassen und sie nach den Ergebnissen bewerten.

Nachhaltigkeits- und CSR-Berichte sind dabei allerdings derzeit nur begrenzt tauglich. Leider immer noch zu wenige orientieren sich an der Global Reporting Initiative (GRI) die eine Vergleichbarkeit ermöglicht. Aufgrund der Zusammenarbeit des United Nations Global Compact mit GRI im Rahmen der regelmässig für unterzeichnende Unternehmen zu veröffentlichenden Communication on Progress (COP) ist hier international allerdings eine größere Verbreitung zu erwarten.

Wie auch immer die Berichte in den nächsten Jahren aussehen: Die Anforderungen an Transparenz und Dialog in der Kommunikation von Unternehmen werden in den kommenden Jahren noch weiter steigen und somit auch großen Einfluss auf die Entwicklung des Berichtswesens haben.

Zum Ende: Lass uns Wunschkonzert spielen. Was müsste sich für eine Entwicklung hin zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft ändern? Welche Rahmenbedingungen, Gesetze und Anreizsysteme bräuchte es? Oder können wir uns auf das wachsende Bewusstsein der Konsumenten und dem erstarkenden Verantwortungsbewusstsein der UnternehmerInnen verlassen?

So langweilig und abgedroschen das klingt: Bewusstseinsbildung, Bewusstseinsbildung und noch mal Bewusstseinsbildung! Das Wissen über die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit auf allen Ebenen unserer Gesellschaft ist einfach zu wenig vorhanden. Natürlich ist dabei vor allem das Ausbildungssystem und die Politik gefragt, aber Zivilgesellschaft und Wirtschaft haben hier durchaus gemeinsame Anliegen, weshalb eine Koalition dieser Gruppen um gemeinsam Veränderungen zu bewirken wünschenswert wäre.

Verstärktes Wissen über die sozialen, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen unserer Zeit wird sicher auch bei immer mehr Unternehmen ein Umdenken in Richtung Nachhaltigem Wirtschaften und CSR bewirken. Rahmenbedingungen – Verbote und Richtlinien für die unbeweglichen, sowie Anreizsysteme und Belohnungen für die Vorreiter – sind aber aus meiner Sicht notwendig, um dieser Entwicklung eine größeres Momentum zu verpassen. Einer der wichtigsten Adressaten für die Umsetzung solcher Rahmenbedingungen – die Politik – ist allerdings in Österreich durchaus zögerlich unterwegs. Der Blick in andere Europäische Länder zeigt hier durchaus ein ambitionierteres Vorgehen. In Deutschland zum Beispiel hat die Diskussion durch den Beschluss er Nationalen Strategie zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen – dem sogenannten CSR Aktionsplan – im Herbst 2010 eine deutliche Dynamik erhalten.

Eine zukunftsfähige Wirtschaft wird durch Rahmenbedingungen geprägt sein, die nachhaltiges Handeln belohnen – sowohl von UnternehmerInnen, als auch von KonsumentInnen. Daran diese zu schaffen, müssen alle gesellschaftlichen Akteure mitarbeiten – und wir sollten langsam damit anfangen, denn die Zeit rennt uns davon.

Lieber Roman, Dankeschön. Ich freue mich jetzt schon auf deinen Vortrag bei der Sustainovation, Anfang Juni!

Das Gespräch entstand via Email. Wie beim Ping-Pong Spiel, schickt Hannes Offenbacher jeweils nur eine Frage zum Dialogpartner, um einen lebendigen Austausch jenseits von statischen Fragen zu erreichen.

 


Mai 17, 2011 1 Kommentar Ping Pong, Zukunftsfähigkeit