Innovation? Nicht labern, machen!

Was mir zum Thema Innovation einfällt? Wo soll ich da anfangen. Doch fragen wir besser, was der Unterschied zwischen linearer Weiterentwicklung und Systeminnovation ist. Ignorieren wir die Heerschar von Experten, die vor allem eines machen: Über Innovation reden… Blicken wir vor allem auf die Leistungsfähigkeit von Nachhaltigkeit als Ideenquelle für radikale Innovationen und eine lebenswerte Zukunft. Das macht Sinn und hat Substanz. Am Ende bleibt nur eine Aufgabe: (Zeit)Räume zum Neudenken schaffen und nicht nur über den eigenen Tellerrand hinaus blicken, sondern gleich den lauwarmen Suppentopf verlassen.

Reflexartig kamen in mir zwei Fragen hoch, als ich gebeten wurde einen Beitrag zu den Themen Innovation & Zukunft für dieses Buch beizusteuern. Was ist Innovation eigentlich? Und: Wenn wir von Zukunft sprechen, welche wünschen wir uns denn, welche ist erstrebenswert?

Ein neues Verständnis für Innovation

Sie werden mir wohl zustimmen, wenn ich meine, das Wort Innovation sei eines der am stärksten missbrauchten Worte. Heute ist nahezu alles innovativ. Die Wirtschaft und das politische System haben das strahlende Wort geentert und verwenden es wie die Damenwelt Wimperntusche. Man macht sich attraktiver und kann dort wo eigentlich nichts (bzw. zu wenig) ist, täuschende Effekte erzeugen. Das ist in meinen Augen bedenklich, denn wenn hinter dem Wortsymbol „Innovation“ kein gemeinsames Verständnis steht, wird auch eine ernsthafte Auseinandersetzung und Kommunikation darüber erschwert.

Immer öfter wird der österreichisch-amerikanische Ökonom Joseph Schumpeter für die Definition des Begriffes herangezogen, nach dem Innovation die Durchsetzung einer technischen oder organisatorischen Neuerung im Produktionsprozess ist. Die bloße Idee bzw. Erfindung alleine reichte ihm nicht aus. In diesem Zusammenhang definierte Schumpeter auch den berühmten Begriff der „schöpferischen Zerstörung“, die mit wahren Innovationen einhergeht. Wirklich Neues steht in Konkurrenz mit Altem, seien es Produkte oder Dienstleistungen. Natürlich ist es fraglich ob ein Laie, Journalist oder Politiker im Stande ist eine wahre Innovation (nach Schumpeter‘s Kriterien) in den vielfältigen, komplexen und sich schnell verändernden Branchen und Disziplinen bewerten zu können.

Doch in den letzten Jahren hat mich vor allem eine Sichtachse auf den Begriff Innovation schwer beeindruckt und inspiriert. Diese stammt von Bruno Weisshaupt, der 2006 ein unscheinbares Büchlein mit dem Titel Systeminnovation auf den Markt brachte. Schon im einleitenden Kapitel bringt er eine kritische Perspektive ein, die ich als ungemein wichtig empfinde, wenn wir uns heute mit Innovation auseinandersetzen wollen.

[…] Weil Innovation in den meisten Fällen für nichts anderes steht als die lineare Weiterentwicklung des schon Bekannten, für Produktinnovation, die sich nur an der funktionellen Aufgabenstellung orientiert und sich nur innerhalb der traditionellen Systemgrenzen bewegt […]

Für Weisshaupt erfolgen lineare Innovationen in Zyklen – die auch zu einem logischen Ende kommen müssen. Nämlich dann, wenn der Aufwand ein Produkt zu verbessern in keiner Relation mehr zum Wert des Produktes selbst steht. In den folgenden Kapiteln bringt er wunderbare Beispiele, in denen das linear-kausale Denken von Ingenieuren schon längst am Ende ist und dennoch weiter gemacht wird. Das Ziel von Heute ist aber eben keine lineare – schneller, weiter, höher – Innovation, sondern eine vernetzt gedachte Systeminnovation.

[…] Systeminnovation versteht sich als disruptive Innovation, die eben nicht immer und immer wieder unter derselben Laterne den Fortschritt sucht, die sich von der rein funktionalen, technisch geprägten Sicht auf das Produkt löst, die traditionelle System- und Strukturgrenzen aufbricht und einen neuen Blickwinkel einnimmt: den des Kunden, den des Marktes. Dass der Kunde im Mittelpunkt aller Aktivitäten steht, wird zwar kaum weniger oft erwähnt wie das unter Marketing Menschen und Technikern gleichermaßen beliebte Schlagwort Innovation. In beiden Fällen gilt allerdings: Solange man sich in den alten, gewohnten Strukturen bewegt, wird sich am Gesamtzusammenhang wenig ändern […]

Buch: Systeminnovation, Bruno Weisshaupt, Orell Füssli Verlag 2006 (ISBN: 3-280-05199-1)

Für mich eine absolute Bibel für alle im Innovationsumfeld tätige Menschen. Dabei hat Bruno Weisshaupt wohl mit Weitblick den Begriff Systeminnovation® als Marke schützen lassen. Ein guter Schachzug, um nicht auch hier in eine inflationäre Verwendung zu driften.

Und wahrlich ist es beeindruckend, wie konsequent der Großteil der Entwicklungen am Kundennutzen vorbei schießen. Ein für mich schönes Beispiel ist der Markt der Smartphones. Hier versuchen sich die Hersteller stetig mit neuen Leistungsdaten zu übertreffen. Wirklich neuer Kundennutzen entsteht dabei selten. Nur das iPhone hat in meinen Augen einen Haupttreffer erzielt. Ich denke dabei an den unscheinbaren, mechanischen Kippschalter, mit dem man zwischen „lautlos“ und „normal“ Modus wechseln kann – ohne den Bildschirm aktivieren und mit mehreren aufwendigen Schritten das Profil wechseln zu müssen. Warum dies bis heute von keinem anderen Hersteller kopiert wurde zeigt die verblendete Sicht der Entwickler.