Zurück zur POSITIVEN Faszination der Globalisierung

Nov 21, 2010 6 Kommentare Gesellschaft & Politik, Networking
 

Da saß ich in den ehrwürdigen Hallen des Palais Lichtenstein, bei der Abendgala des zweiten, internationalen Peter Drucker Forums. Traumhafte Orte von denen wir einige in Wien haben. Dafür werden wir auch beneidet und bewundert, doch das ist schon das Einzige. An meinem Tisch: 2 Inder, 2 US-Amerikaner und ein Ire – plus 3 Österreicher. Ein Abend der mich wachrüttelte und mich nachdenklich stimmt.

Erster Akt: Europäische Arroganz und indische Wissenszentren

Das Gespräch mit den Indern machte den Anfang. Die beiden Management Berater unterstützten indische Unternehmen bei der globalen Expansion – und so streifen wir auch das Thema Universitäten. Er erzählt mir schmunzelnd, dass die besten indischen Universitäten intensive Austauschprogramme mit den besten US-amerikanischen Unis betreiben. Die Europäischen frage ich – die spielen keine Rolle. Die seien (und sind) nicht interessiert gewesen an einem Austausch mit Indien. Ich führe das auf unsere historische Arroganz zurück – und den Umstand das unsere Bildungseinrichtungen mit Budgetmangel und der Abwehr ausländischer Studierenden zu tun hat. Verrückt.

Erst gestern erzählte mir ein Freund von der Idee, wissenschaftliche Tätigkeiten von Österreich nach Indien zu verlagern, mit der Bemerkung, dass dieser Wissenstransfer auch für die Inder eine Chance wäre. Dass in Indien derzeit wohl um ein Vielfaches bessere Köpfe studieren (und motiviert auf Tätigkeiten warten), als wir bei uns finden können, kommt wohl niemanden in den Sinn. Asien ist im Kopf noch immer quasi ein Dritte Welt Kontinent. Und natürlich gibt es dort noch massive Probleme (ländliche Armut, … ), doch in Sachen Elitenbildung sollten wir rasch unsere politischen Gestalter zum Lernen entsenden.

Und noch weiter, die Asiatischen Superstädte legen dermaßen zu, dass anspruchslose, industrielle Tätigkeiten mehr und mehr in die armen, ländlichen Regionen verlegt werden (innerhalb von wenigen Wochen natürlich). Der urbane Raum transformiert sich in den nächsten 20 Jahren zu globalen Wissenszentren, so meine Gesprächspartner. Und ich glaube ihnen. Und wir? Einem phantasielosen Parteien System ausgeliefert, bröckelt weiter der Putz an unseren Ruinen.

Während Asien also weiter Gas gibt, lernen unsere Volksschüler über diese Enwticklungen… nichts. Vermutlich dominiert auch heute noch das Bild der dummen, bäuerlichen Bevölkerung. Doch müssen wir eingestehen, dass wir mit der Geschwindigkeit Asiens nicht mithalten können. Fatal. Die Gesellschaft als Ganzes verändert sich dort schneller, als unser mittelalterlicher Stundenplan.

„Die Produktivität des Wissens ist bereits der Schlüssel zu Produktivität, Konkurrenzstärke und wirtschaftlicher Leistung geworden. Wissen ist bereits die Primärindustrie, jene Industrie, die der Wirtschaft die essentiellen und zentralen Produktionsquellen liefert.“ (Peter Drucker)

Die Inder sehen die europäische Situation entspannt (klar…). Sie verstehen, dass es uns derzeit „noch“ zu gut geht. Existenzangst ist ein kraftvoller Motor für die indische Jugend. Es gibt nur einen Weg: Nach oben. In Europa haben wir inzwischen die absurde Situation, dass Studierende mit 28 das erste Mal mit der echten Wirtschaft zu tun bekommen, nachdem sie Jahre auf den desolaten Universitäten vertrödelt haben. Praktische Erfahrung: Null. Wissenschaftliche Ranking: Mittelmaß.

Zweiter Akt: US-Amerikanische Authentizität und Networking Power

Da hätte ich schon genug zu knabbern gehabt, nach dem Gespräch mit den Indern. Doch es geht weiter. Nach dem Essen bekomme ich plötzlich eine Lehrstunde in Sachen Networking. Und nein, für mich ist dieses Wort nicht negativ belegt. Es muss ja nicht sofort ums Verkaufen von Versicherungen gehen. Ich meine Networking im Sinne des Herstellens von Kontakt zwischen Menschen. Das neugierige aufeinander Zugehen, die Kunst ins Gespräch zu kommen und emotionale Anker zu setzen.

Nach dem Essen richtet plötzlich ein US-Amerikaner das Wort an den gesamten Tisch. Alleine das würden wir Österreicher in 99,9% der Fälle niemals tun. Mein Gott wie peinlich! Er fordert uns auf, unsere liebste europäische Stadt zu nennen – inklusive Begründung. Keiner lacht, keinem ist es peinlich, jeder macht mit. Es ist ein „Eisbrecher“. Ab dem Zeitpunkt verlagert sich der Dialog von Zweiergesprächen auf einen lustigen, gemeinsamen Dialog über Europa und Zukunft.

Es machte mich fassungslos. Der Umstand, wie weit entfernt mir dieses Vorgehen erscheint. Wie unmöglich es selbst zu tun. Zumindest in meiner aktuellen mentalen Verfassung. Da muss ich noch was kräftig im Kopf umbauen, denn natürlich ist eigentlich nichts dabei und es ist eine wunderbare Gabe, die gerade im globalen Kontext von großem Wert ist.

Wir haben hier in Österreich auf jeden Fall ein Problem. Das Thema Globalisierung und Internationalität ist zu 95% negativ belegt. Schuldige dieses Umstands ist die österreichische Politik und die österreichische Medien. Wenige kämpfen gegen dieses Bild, wie Ernst Schmiederer (Blinklicht) mit seinem genialen Projekt „Import/Export“, sowie Stefan Mey und Wolfgang Bergthaler (Maya India) mit ihrem Projekt “Indische Wirtschaft“. Aber auch multikulturelle Hot Spot wie der Coworking Space „the Hub Vienna“ sind wertvolle Leuchtturmprojekte.

Zurück zur Faszination

Ich erinnere mich zurück, an meine Jugend die um vieles internationaler war, als es mein heutiger Alltag ist. Meine mehrjährige Mitarbeit am Weißbuch Jugendpolitik, wo ich mit 450 Delegierten (Jugendlichen) aus ganz Europa im Rahmen von mehreren Konferenzen zusammengearbeitet habe. Und meine prägende Zeit in Chicago, wo ich im Rahmen der ersten MGGTI Leadership Conference mit 93 Jugendlichen aus 67 Staaten zusammentraf, um 9 Tage lang mit US-Amerikanischen Entrepreneurship Spirit gefüttert zu werden. Ich erinnere mich an die Zeit nach der Konferenz und meinen ersten Breitband Internetanschluss, der mir mittels ICQ das Tor zur Welt öffnete. Ich erinnere mich an die Nächte, in denen ich extra lange aufgeblieben war um mit meinem Freunden in Südamerika zu chatten. Wo ist diese Faszination hin?

Es ist eigentlich absolut paradox, denn ich bin gerade aufgrund der Internationalität nach Wien gegangen. Und genau in Wien habe ich sie verloren. Dieser Abend rüttelte mich wach. Ich spüre die Lust und die Neugier am internationalen Kontext und am Entdecken von geschäftlichen Potentialen. Und vielleicht passt es ganz gut, so ist es 2011 genau 10 Jahre her, dass wir einander in Chicago getroffen haben. Es brodelt in mir.

PS: Ein Buch, das mich in meinen jungen Jahren (jaja, so alt bin ich nicht, ich habe es aber mit 17 gelesen) sehr fasziniert hat und – typisch für Peter Drucker – nichts an Aktualität verloren hat, ist „Die globale Herausforderung“, in dem Drucker sich mit seinem japanischen Freund Isao Nakauchi austauscht. Dialogisch, intelligent, fesselnd!


 

6 Kommentare zu “Zurück zur POSITIVEN Faszination der Globalisierung”

  1. Monika Meurer says:

    Bist Du eigentlich bei der Jungen Wirtschaft? Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass deren weltweiter Dachverband JCI Dir sehr gut gefallen würde. Wir können gerne mal telefonieren….

  2. Hannes says:

    Bei der Jungen Wirtschaft war ich schon. Ich persönlich habe noch nicht “den Club” gefunden, wo ich mich wohl fühle. Vielleicht muss ich ihn gründen ;)

  3. Michael Rothe says:

    Globalisierung erlebe ich positiv wenn ich an die persönlichen Beziehungen denke, die ich mit Menschen aus verschiedenen Ländern habe. Wenn es nicht mehr heisst “der Inder”, sondern “mein Freund aus Kiew”, dann werden Beziehungen wachsen.

  4. Volkan says:

    Das denke ich auch … vor allem über den globalen Austausch wird es immer mehr geteiltes Wissen geben. Etwas, das ich heute nicht mehr missen möchte.

  5. Beate Dürer says:

    Ich glaube auch, dass die Globalisierung im Großen und Ganzen positiv zu betrachten ist. Es gibt immer und überall auch eine Schattenseite aber die sollte einen nicht davon abhalten etwas Gutes voran zu treiben!

  6. Blanca Huff says:

    Globalisierung erlebe ich positiv wenn ich an die persönlichen Beziehungen denke, die ich mit Menschen aus verschiedenen Ländern habe. Wenn es nicht mehr heisst “der Inder”, sondern “mein Freund aus Kiew”, dann werden Beziehungen wachsen.

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