Dies sollte ein Kommentar auf Nicole Arnitz‘ Artikel Die Flut werden. Ich befand, dass dieser dann doch zu lang für einen Kommentar geworden ist. Danke Nicole für den Impuls!
Wieder mal Zeit für Selbsttherapie mit den bekannte Fragen und Vermutungen:
Doch sind wir Opfer oder Täter? Aber was soll Euch das interessieren. Maximal beim zweiten Absatz werdet ihr zurück zu Facebook wechseln. Es könnte ja jemand das Foto vom letzten Ausflug mit „gefällt mir“ gewürdigt haben. Wiederschauen!
(Bullshit-Superwort! Und die Domain ist noch zu kaufen). Deren Auswüchse in Form von hilfreichen Tools und Diensten habe ich schon des Öfteren als “schwarzes Loch” betitelt. Etwas untypisch negativ vermelde ich: Wir sind ihnen verfallen, diesen hochfrequenten neuen Tools die uns zwar eh keine Erleichterung versprechen, wir uns dann aber doch wundern warum nichts einfacher oder weniger wird.
Aber mal unter uns: Ich denke wir befinden uns derzeit in der Phase vor dem sich eingestehen, dass wir ein Suchtverhalten an den Tag legen. Oder zumindest eine Kultur des unreflektierten Reagierens. Dabei würde ich es nicht als Kommunikations- oder Informations- Sucht sehen, sondern als (Tool-) Benutzungs- Sucht. “The medium is the message” (Marshall McLuhan) – die unscheinbare Potentialvernichtung der Neuzeit.
Zumindest in meiner Selbstanalyse würde ich meinen, dass ich das Internet (und seine Möglichkeiten) vor 2 Jahren noch in einem besseren Input-Output Verhältnis genutzt habe. Nicht das alles besser war, überhaupt nicht, aber das Verhältnis war eindeutig besser. Aber nein, ich mag jetzt nicht wie Schirrmacher auch den – durch das Web 2.0 ausgelösten – Untergang prognostizieren (auch wenn ich sein provokantes, teils übertriebenes Buch als wichtigen Beitrag zur Selbsterkenntnis sehe). Aber ja (!) es hat sich was verändert, die letzten 24 Monate. Brutal viel.
Neumodische, westliche Pseudo Probleme der digitalen Boheme? Irgendwas muss dran sein, denn wenn nicht, würden nicht so viele darüber klagen, bloggen und diskutieren. Da tut sich was. Da kommt was hoch, da bricht was aus. Ich erwarte einen reinigenden Regen, eine Konsolidierung des Nutzens. Wenn wir die Kurve kratzen.
Besonders radikale Auswüchse der Reduzierung und Entschleunigung ist die Strategie des Instituts für Wertewirtschaft. Dort hatte man sich entschieden anstatt eines hochfrequenten Blogs, regelmäßige Taschenbücher (sie nennen es Scholien) zu produzieren.
Statt einem vom Wahnsinn der Gegenwart vor sich her getriebenen Weblog präsentiert das Institut für Wertewirtschaft eine neue, ungewöhnliche Publikationsreihe [...]
Und mal ganz ehrlich: Diese kleinen Werke haben eine Tiefe und Substanz, die erschütternd ist. Auch wenn sie von einem der wenigen interdisziplinären Intellektuellen Österreichs geschrieben werden, der eindeutig mit großem Talent ins Rennen geht, geben sie mir zu Denken.
Mal von der Wahl des Mediums abgesehen (wo ich natürlich weiterhin Blogs verfechte), so gestehe ich mir selbst ein, dass mein Geschriebenes weit unter meinem eigenen Potential liegt (wie bei vielen anderen Bloggern die ich persönlich kenne). Und ich erkenne, dass es sehr wohl am zerstörerischen Multitasking liegt, das uns PC & Web „geschenkt“ haben – und worauf wir uns voll und ganz eingelassen haben. Wir kommen nicht zur notwendigen Ruhe, um die uns mögliche Tiefe von Gedanken zu erreichen. Dafür sind wir zu abgelenkt.
Für mich liegt die Herausforderung, die goldene Mitte zu finden. Die Balance zwischen einer intelligenten und bereichernden Nutzung der neuen Möglichkeiten und dem Verteidigen (Wiederaufbaus) eines geschützten Raums für konzentrierte und langsame (Denk-) Arbeit. Auch wenn – und das MUSS uns zu Denken geben – langsam in unserer Gesellschaft schon automatisch als „schlecht“ gilt. Absurd.
Fortsetzung folgt.
PS: Ich freue mich auf ein Rückspiel auf meine Gedanken von anderen Bloggern in Form von eigenen Beiträgen und verzichte dafür herzlich auf Tweets mit Verweis auf diesen Artikel.
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Dagmar
Juni 10th, 2010 um 10:46
Wie können wir der Flut entkommen? Genau das wollte ich gerne als Rezept aus Deinem Beitrag herauslesen. Filtern, damit ich mir auch einen Tee davon kochen kann, wenn ich mal wieder durch die Welt blogge und mich um meinen Tag lese (ist das noch wirklich lesen? Ich glaube, dafür brauchen wir ein neues Wort. Vielleicht “flesen” – eine Verbindung von fliegen und lesen, oder “letzen” – die Verbindung von lesen und hetzen.) Ja, einen Tee bitte, der mir die Langsamkeit wiederbringt und damit eine erholsame Geräumigkeit meiner inneren Festplatte garantiert.
Leider müssen wir das wohl selbst tun. Filtern, aussschalten, wegschalten. Den Stuhl verlassen und nach draußen gehn. Durchatmen, Menschen treffen und im real-life ankommen.
Aber ganz ehrlich: wir würden doch was verpassen, oder?
)
Und Deine Beiträge sind ein Genuss. Die Vorstellung, diese Gedankengänge könnten tiefergehend in einem bleibenden Buch erscheinen?! Geniale Idee. Und vielleicht fast Therapie…
Hannes Offenbacher
Juni 10th, 2010 um 11:29
Liebe Dagmar, das ist ein geniales Wort – und Idee – dieses “flesen”. Das ist Realität. Die Ruhe hat nur noch wenige Orte, wo sie bewahrt ist und es uns abgenommen wird
(1) in der Bergen, wo kein Empfang ist
(2) im Flugzeug (zumindest jetzt noch)
Ich erinnere mich an die genüßlichen, entspannten Zugreisen – früher. Heute habe ich auch dort Inet. Wir müssen die Konsequenz haben, das zu tun, was wir wissen und wollen.
Das mit dem Buch – das ist ein Ei auf dem ich schon länger brüte
PS: Jetzt, zur Fußball WM hätte man einen guten Grund, mal ein paar Wochen fast gänzlich aus dem Info-Wahn von Twitter & FB auszusteigen…
Dagmar
Juni 10th, 2010 um 11:56
Schnell “geflasen” und wieder begeistert! Die Funklöcher sind wohl bald das verheißene Paradies. Mir ist es das Malen. Da ist nichts außer Farbe und Tun. Eine geniale Auszeit. Das kommt bestimmt dem Buchschreiben nah. Also: tun ist die Devise!
Aber jetzt erstmal viel Erfolg für die Sustainovation. Wir haben gleichzeitig in Frankfurt karmakonsum-Konferenz. Auch hier ist jede Menge Open Space – in reallife und realtime. Genial!
Hannes Offenbacher
Juni 10th, 2010 um 13:05
Dann sehen wir uns am Freitag, in Frankfurt. Bin auch oben!
Dagmar
Juni 11th, 2010 um 7:23
Super! Ich habe mir inzwischen – beim Geschirrspülen – das Interview von Dir und Christoph auf karmakonsum.de angehört. Freu mich auf den Vortrag! Bis dann
Michael
Juni 14th, 2010 um 14:27
Feiner Artikel. MMn ein Luxusproblem das sich legen wird.
Der Artikel hat mich motiviert meine Gedanken diesbezüglich einmal zu ordnen und einen Artikel zu verfassen, siehe: http://www.zukunftsraum.at/2010/06/14/kommunikation-was-bringts/
Liebe Grüße, Michael
Martha
Juni 23rd, 2010 um 10:47
Hmmm… Einerseits möchte ich das Netz nicht missen, gerade für Kontakte, E-Mails und Recherche. Gleichzeitig muss man sich aber auch Auszeiten von dem ganzen Wahnsinn nehmen, und zwar bewusst!!! Ich zum Beispiel lasse nach der Arbeit bewusst meinen Computer aus, da ich ihn ja auch Job vielfältig nutze. Da möchte ich zu Hause meine Ruhe haben. Manchmal muss ich aber auch über die Strenge schlagen können. Deshalb glaube ich, dass jkeder sein Mittel für sich finden muss, wie er sich entschleunigt. Vielleicht einfach mal das Handy übers WE ausschalten. Wäre als Anfang doch schon mal ganz gut!
Oleksandr Hnatenko
Juni 27th, 2010 um 22:14
hehe interessant ist wie oft man wärend man so ein beitrag liest auf facebook inzwieschen schaut… ich habe das nach den ersten 2 sätzen gemacht un sachen zu “checken”…. bin aber doch zürückgekommen….
coole iniziative das mit büchern….
im fotobereich ist das ganze nicht besser… man weiss von lauter platformen nicht mehr wo man die fotos hinposten soll… auch der genuss vom fotosbetrachten fehlt mir langsam weil ich auf den fotoseiten hundertmilionenthausend neue fotos am tag bekomme die ich anschauen könnte… die tools und mengen übersteigen meine kapazitäten…
ich bin selbst auf dem weg diese ausgewogenheit zu finden… mal schauen wie lange das noch dauert und wie radikal das ganze sein wird…
danke für coolen beitrag
Carsten
August 1st, 2010 um 18:27
Derzeit ist ein interessanter Artikel im “Spiegel”: ” Ich bin dann mal off – Über die Kunst des Müßiggangs im digitalen Zeitalter”
Ich persönlich nutze das Internet sehr viel und auch gerne, sowohl beruflich als auch privat – besitze aber auf der anderen Seite zum Beispiel kein Mobiltelefon, womit ich derzeit in meinem Familien- und Freundeskreis alleine dastehe. Viele meiner Kollegen dagegen spielen in einer Tour mit ihren iPhones rum – und können sich ein Leben ohne offenbar auch nicht mehr vorstellen.
Ich kann den Rechner nach getaner Arbeit oder erledigten Mails/ Forenbesuchen etc stressfrei ausschalten und auch ausgeschaltet lassen. Vor Kurzem war ich zwei Wochen lang im Urlaub und bin in dieser Zeit nicht einmal in die Nähe eines Computers gekommen – und es war großartig.