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52 faces: Im Jahr 2010 werde ich 52 Menschen aus den verschiedensten Branchen treffen mit welchen ich bis dato nur virtuell vernetzt bin. Es treibt mich die Neugier und die Lust im ziellosen Dialog von Ihnen zu lernen. In meinem Blog teile ich meine Eindrücke und Gedanken zu den Gesprächen. (Wie kam es dazu?)
Kalenderwoche 1: Jörg Liemandt
Datum: 3. Jänner 2010
Ort: Sonnleitenhütte in der Gaal, Steiermark

Das neue Jahr ist gerade mal 2 Tage alt, der dritte Tag hat mit einem wunderbaren Sonnenaufgang gerade vor wenigen Stunden begonnen. Ich bin auf der Sonnleitnerhütte in der Gaal auf 1215m Seehöhe. Die Gaal, wie man dieses kleine Tal in der grünen Steiermark nennt, ist der Inbegriff von einem „Loch“. Gerade im Winter, wo es eine Sackgasse wird. Bis auf zwei Bauernhöfe gibt es weit und breit keine Zivilisation. Hier habe ich mich mit Jörg Liemandt verabredet. Er ist der erste von 52 Menschen, die ich bis dato nur flüchtig via Xing und Facebook kenne und die ich in diesem Jahr – offline – treffen möchte.
Ich selbst bin völlig unvorbereitet, wie es mein Plan vorsieht. Klingt paradox. Das Gespräch hat kein Ziel, ich habe mir keine Fragen vorbereitet und dennoch hat Jörg sich bereiterklärt mitzumachen. Einzig ein weißes Notizbuch in A4 Größe und ein Bleistift begleitet mich. Das Notizbuch übrigens, habe ich beim German Economic Forum 2008 erhalten. Auf dem dicken Umschlag steht: „Eine Geschichte von Querköpfen, Vordenkern und Idealisten“. Wie passend.
Jörg und ich treffen uns in der Pannhans-Stube. Unser Cafe produziert herrlich kitschige Dampfwolken, wie es in der Jacobs Monarch Werbung nicht besser inszeniert werden könnte. Bei uns ist der Grund dafür leider etwas unbequem: Die Stube ist nicht geheizt und der ehrwürdige Kachelofen würde eine gute Stunde brauchen, um Wärme abzugeben. Einen anderen Platz gibt es nicht und so nehmen wir es wie Männer. Oder Frauen.
Dass ich hier mit Jörg sitze ist purer Zufall. Dazu muss ich ausholen, es zeigt aber die absurde Vernetzungskraft der Social Networks.
Bei einer Veranstaltung der Blögger Initiative wurde Alexandra (Jörg’s Ehefrau) von einem ihrer Freunde mitgenommen. Dort lernte sie meine Geschäftspartnerin Nicole kennen und wie so oft üblich vernetzten sie sich via Xing und Facebook. Daraufhin sah Jörg die Fotos von Nicole durch und entdeckte sich und Sandra auf einem im Hintergrund sitzend. Ein Unglaublicher Zufall. Nach diesem lustigen Zusammentreffen nahm sie Jörg einige Wochen später zu einem der Clubabende von Bergfieber mit und es folgte ein unbekümmertes, virtuelles Vernetzen. Das eine führt zum anderen und so hörten die beiden von unseren Silvesterplänen und schlossen sich kurzerhand unserer 16-köpfigen Gruppe an.
So sitzen wir beide nun hier. In der Pannhans-Stube in der Sonnleitnerhütte und versuchen uns an die ca. 15 Grad Raumtemperatur zu gewöhnen.
Jörg ist Deutscher. Alexandra – seine Frau – hat er schon während des Studiums kennengelernt. Im Statistik Kurs. So haben die Professoren doch recht behalten, als Sie zu mir meinten, Statistik sei von zentraler Bedeutung. Vielleicht hätte ich den Kurs doch machen sollen?
Schon während des Studiums rutschte er ins Marketing für Radiosender, wo er einige Jahre verbrachte. Nachdem er mit Alexandra nach Österreich gekommen war, entwickelte er z.B. auch die Corporate Identity des Museumsquartier (MQ) mit. Sichtlich stolz fügt er hinzu, dass er dennoch eigentlich nie richtig angestellt war. Ist das heutzutage eine Auszeichnung? Irgendwie riecht es nach Freiheit, die alle haben wollen und nur wenige erreichen. Auch heute noch steht Jörg auf eigenen Beinen und arbeitet mit verschiedenen Parntern an Projekten.
Die Kälte haben wir inzwischen überwunden und wir kommen ins hitzige Schimpfen auf Agenturen. Das Feindbild der Kreativen? Jörg nennt die Umwelt der Agenturen “…eine Schlangengrube, wo alle immerfort am wixen sind…”. Das ist hart, aber ehrlich. Und die ehrliche Umgebung einer rudimentären Hütte erlaubt es, dass wir die Sachen beim Namen nennen. Jawohl.
Diese kritische Betrachtung von Agenturen läuft mir immer öfters über den Weg. Was ist es, das diese Welt so unattraktiv macht? Ist es vielleicht der fehlende Mut, ein absurdes, selbst-ausbeuterisches System von kostenlosen Pitches zu durchbrechen? Keine Frage, schlau ist es für eine Branche nicht, wenn Sie ihre Kernleistung – die Kreativität – zum Nulltarif in den Rachen der Großkonzerne wirft. Selbst Abschlagszahlungen werden immer seltener. Warum man da mitmacht hat verschiedene Gründe. Was es nicht besser macht.
Noch schlimmer an diesen Präsentationen sei aber, so Jörg, dass es das gemeinsame Erarbeiten von Konzepten ausblendet. Die Agentur soll, wie der Zauberer das Kaninchen, ein fertiges Konzept aus dem Hut zaubern. Wozu noch in einen gemeinsamen, reflexiven Prozess gehen? Mehr von demselben reicht aus, in einer Werbewelt wo die besten Ideen vom Kunden abgeschossen werden.
Auf meine Frage, ob er gravierende Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland ausmachen kann, muss Jörg nicht lange nachdenken. Das „Abteilungsdenken“ in den Unternehmen sei viel stärker. Schon fast scheint es so, dass das Fernhalten von Informationen eine Kernaufgabe des mittleren Managements sei. Damit sind auch die Chefs vom Kreativprozess ausgeschlossen. Am Schluss steht dann meist ein mäßig kreatives, wenig emotionales Ergebnis. Hausgemacht. Und keiner merkt es.
Weil ja gerade Neujahr hinter uns liegt frage ich nach Jörgs Zielen. Seine Antwort spricht auch mir aus dem Herzen:
„Ich will zurück zu den Dingen, die ursprünglich mit meiner Kreativität zu tun haben“.
Warum müssen wir immer zurück? Warum verlieren wir die so wichtigen Inspirationsquellen aus den Augen? Der dümmste Widerspruch unseres Alltags ist aber ein anderer. Nämlich jener, dass wir meinen uns durch den Verzicht von den schönen Dingen, uns genau diesen nähern zu können. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ – sagt man. Eine Selbstaufgabe, keine schlaue Weisheit. Die Glattheit ablegen, die man nach 20 Jahren im Marketing bekommt. Das hat sich Jörg als Ziel gesetzt.
3 Erfolgsfaktoren im gestalterischen Prozess. Bei der Erarbeitung im Rahmen eines Research Projektes des Büro X, dass sich selbst und über seine Arbeit Fragen gestellt hat, war Jörg dabei. Fragen stellen. Eine selten gewordene Sache. Immerhin muss man diese dann auch beantworten und die Antworten könnten zudem unbequeme Wahrheiten ans Tageslicht befördern.
Auch seine eigene Rolle hat Jörg neu definiert. Eine Besinnung auf Stärken und Leidenschaften. Und auf der anderen Seite ein bewusstes Abgeben von Dingen, die man nicht gut kann oder nicht können mag.
Alexandra, Ehefrau und kreativer Sparring Partner von Jörg, ist inzwischen mit Hund Henry zu uns gestoßen. Der Hund wiederum meint, er sei eine Katze. Immerhin ist er mit Katzen aufgewachsen, so erzählen die beiden. Und die Umgebung prägt. Das wirkt befremdend bei einem so großen, kräftigen Hund. Spätestens wenn er versucht Schnurren zu imitieren, verliert man jegliche Angst.
Die Zeit ist verflogen. Gut 2 Stunden haben wir geplaudert und dabei werden wir gerade erste warm. Abschließend kommen wir noch auf das Thema „Social Web“ zu sprechen und Jörg drückt hier seine Bedenken aus.
„…Die Multidimensionalität der Kommunikation entwickelt sich ungut…“.
Das kann man wohl nicht pauschal abnicken, aber die Gefahren einer falschen bzw. unreflektierten Mediennutzung sind vorhanden. Doch wer hilft uns, beim Aneignen einer neuen Mediennutzungskompetenz, wenn sich Medium und Kommunikationskultur im Jahrestakt verändern? Die Antwort bleiben wir uns schuldig.
Wir müssen zum Ende finden. Jörg und Alexandra wollen noch eine kleine Schneewanderung machen, bevor sie wie ich die Heimreise nach Wien antreten. Eines ist sicher: Es wird nicht das letzte Gespräch miteinander gewesen sein.
Dankeschön & Auf Wiedersehen!
PS: Ich bin sehr zufrieden mit dem Prototyp eines“ 52 faces“ Treffens. Ich nehme einiges mit und bin schon auf mein nächstes Treffen gespannt, dass ich noch nicht geplant habe. Komme was wolle.
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Julian
Januar 18th, 2010 um 18:35
Hey, ich lese schon etwas länger Ihren Blog und habe mich auf diese Kategorie gefreut, weil es mal etwas anderes ist… Ich bin gespannt auf die weiteren Einträge. Viel Erfolg dabei!
Tweets that mention Zurück zu den Dingen, die ursprünglich mit Kreativität zu tun haben (Blog von Hannes Offenbacher) -- Topsy.com
Januar 18th, 2010 um 20:09
[...] This post was mentioned on Twitter by Offenbacher, Axel Quack. Axel Quack said: IMHO schöner Bericht… "Zurück zu den Dingen, die ursprünglich mit Kreativität zu tun haben" http://bit.ly/4SSxIE [...]
Hannes Offenbacher
Januar 18th, 2010 um 23:50
Danke für die Wünsche. Die nächsten beiden Beiträge kommen sehr bald. Das Treffen #4 ist schon fixiert
Josef
Januar 19th, 2010 um 1:55
respect jungs,
hannes, ich mag deine Schreibe,
Jörg… (du bist eben wie du bist ; )
PS: episches foto!!!
; )
PPS: ein Vergnügen und eine Ehre euch beide zu kennen ; )
Manu
Januar 19th, 2010 um 16:49
Das ist eine wunderbare Idee und schöne Umsetzung!
Ich trage eine ähnliche Idee schon länger mit mir herum… du hast mich motiviert, das mal zu konkretisieren und anzupacken – hab dank
Johannes
Januar 19th, 2010 um 23:14
Hallo!
Bin fasziniert von der Idee und auch sehr über die Schreibweise überrascht. Wirkt sehr locker, aber dennoch durchdacht. Vor allem das Notizbuch ist eine spannende Facette. Hast du schon daran gedacht, am Ende des Jahres die 52 Faces in Buchform rauszubringen?
Falls noch ein Platz im Jahr vorhanden ist, biet ich mich gern auch für ein Gespräch an.
Paul
Januar 25th, 2010 um 20:42
Ich glaube das durch das Internet die Kreativität unheimlich gefördert wurde. Allerdings passieren im Internet nicht so schöne Dinge wie du sie unter “Statistik und die Liebe” beschrieben hast. Im Internet sitzt man nur vor einem Bildschirm und hat keinen Körperkontakt.
Dennoch denke ich das viele Menschen öfter mal auf das Interne verzichten sollten.
wolfgang
Februar 1st, 2010 um 13:00
schöne idee, schönes intro-bild, schöner text … mein tipp: vergiss die zahl 52 und schreib dann, wenns passt. damit dir nicht die luft ausgeht …
Martin Teufel
Mai 14th, 2010 um 13:58
Ich war letztes Wochenende mit einigen Freunden in Tirol – da beginnt es auch geistig zu sprudeln, wenn man diese total anderen Eindrücke erlebt kann