my first fisheye

Das Jahr geht zu Ende und man kann behaupten, dass es das Jahr von Facebook und Twitter war. Man kann nun viel über diese Entwicklungen sagen, heute möchte ich aber vor allem einen Aspekt herausgreifen, der mich in den letzten Wochen sehr intensiv beschäftigt hat: Die Kultur der Vernetzung und das nicht enden wollende Ansammeln von virtuellen Kontakten.

Bei Xing stehe ich derzeit bei rund 3800 Kontakten, bei Facebook bei 820 Freunden und bei Twitter 680 Follower. Einmal schnell geschätzt habe ich in dieser Umwelt des Social Webs in der Woche mit rund 30 neuen Gesichtern zu tun (mit welchen ich zumindest kurz interagiere, sie als Kontakt bestätige oder selbst hinzufüge). Nun will ich hier keine Diskussion darüber führen, ob dieses „hinzufügen“ überhaupt Sinn macht. Mir ist klar, dass es hier subjektiv sehr unterschiedliche Strategien gibt, was zu akzeptieren ist.

Ich bin mehr auf der Suche nach ungenutzten Potentialen. Ganz ehrlich, diese Web 2.0 Welt hat uns in einer unglaublich kurzen Zeit überrollt. Schumpeter hätte an der kreativen Zerstörung im Feld der Kommunikationswerkzeuge seine Freude. Die Frage, die jetzt zu beantworten lohnend scheint ist: Und was tun wir nun damit?

Natürlich sind viele Kontakt, Freunde und Follower ein mehr oder weniger wirksames PR Werkzeug. Zumindest für das „Branding“ der eigenen Person und seiner Projekte ist es eine (nicht die einzige) Möglichkeit. Und sonst?

Tom Peters klopft an

In meinem geistigen Hinterstübchen klopft Tom Peters an, der in seinen antreibenden Büchern, (nachdrücklich!) den Tipp gibt, man solle coole, kreative und inspirierende Leute „sammeln“. Doch Tom hat sein Buch in einer Zeit geschrieben, wo man die Person nicht „hinzugefügt“ hat, sondern zum Telefon griff, sie anrief und zu einem Essen einlud.

Nein, ich will hier nicht die Binsenwahrheit aufarbeiten, dass ein reales Treffen – natürlich – mehr Wert ist als ein flüchtiges, 140 Zeichen hin-und-her via Computer. Das steht außer Frage. Doch gerade weil es so klar ist, drängt sich mir die Frage auf: Und handeln wir danach?

Die wir-sind-immer-online Kultur und das tägliche „gefällt mir“ Beglücken bewirkt auch eine gefühlte Nähe zu den (nie in real getroffenen) Menschen. Facebook & Co blockieren damit das natürliche Gefühl a la „Wir haben uns ewig nicht gesehen, lass uns auf einen Cafe gehen“. Und: Man weiß ja eh alles. Die Inflation der Status-Updates und Tweets radiert den Smalltalk aus. Vermeintlich.

Cool, sympathisch und: Unbekannt

Mal abgesehen von den real bekannten Kontakten, die man beruflich oder privat tatsächlich immer wieder trifft, interessiert mich vor allem eine Gruppe: Die coolen Unbekannten. Man fügt sie einmal hinzu (oder sie tun es), weil man etwas vermutet, das Projekt/ die Firma rasend interessant erscheint, man etwas beim Anblick des (kreativen) Fotos spürt, weil ein Halbsatz im Profil neugierig macht und sie ein einziges Status Update, ein ausgeschriebener Gedanke, sofort sympathisch macht. Verdammt, warum treffen wir diese Leute nicht?

Mehr geht nicht. Echt nicht?

Natürlich, der Mensch hat eine gewisse Maximalkapazität an sozialen Kontakten. Ich hörte mal von 70 bis 120. Mehr packt er nicht, mehr kann er nicht im Blick behalten und wirklich pflegen. Im Blick behalten kann man heutzutage sicherlich mehr. Virtuell zumindest. Doch eine wirkliche Beziehung aufbauen. Da kommt die Zahl wohl auch noch heute hin.

Und natürlich gibt es da noch den ewigen Mangel an Zeit. Das tägliche Geschäft lässt es nicht zu, laufend, ziellos Leute zu treffen.  „Wie soll sich das ausgehen?“, höre ich Euch sagen.

Sind wir also verdammt? Bleibt es bei flüchtigen, virtuellen Kontakten die wir nie zu Gesicht bekommen werden? Zum Teil wohl ja, so bemerke ich gerade im hochgejubelten Facebook einen Niedergang der Etikette. Schreiben die Menschen bei Xing zumindest einen Satz beim Hinzufügen dazu (so doof der sein kann), so ist es bei Facebook augenscheinlich normal, sich selbst das zu sparen. Gratulation an alle, die das bei mir – fremderweise – gemacht haben. Sie landeten in der Kontaktgruppe “Unknown” und scheinen in meinem Stream nicht mal auf.

Der Selbstversuch 2010

Doch es treibt mich die Neugier und ich möchte bei mir selbst einen Versuch starten. Ich investiere (Zeit) in der Zuversicht, dass es sich vielfach lohnen wird.

52 weeks. 52 faces.

Ab 2010 starte ich einen Selbstversuch. Ich „zwinge“ mich selbst, diese coolen, sympathischen und bis dato nur virtuellen Kontakte in Real zu treffen. Auf einen Cafe, ein Glas Wein, ein Frühstück oder zum Lunch. Das ambitionierte Ziel: Jede Woche eine Person.

Der Schwerpunkt wird klarerweise in Wien liegen, doch bei allen fixen Reisen werde ich versuchen die Wiener Grenzen hinter mir zu lassen.

Network me

Und: Zusätzlich, einmal im Quartal, gibt es ein größeres Get-together (für noch Unbekannte) in einem Lokal. „Network me“ – so die herzliche Einladung. Ein Netzwerktreffen mit den Kontakten von – mir.

Aber auch bei diesem Treffen werde ich nicht wahllos all meine Kontakte einladen, sondern selbst vorselektieren. Das wird eine Menge Arbeit, aber anders macht es keinen Sinn.

Vorfreude

Ziehe ich das durch, so werde ich zumindest 52 Personen unter vier Augen und nochmals ca. 80 Leute bei den größeren Treffen – in real – kennenlernen. Mit einer subjektiven Vorauswahl sollten sich lohnende und inspirierende Kontakte (privat wie auch geschäftlich) ergeben. Ich bin sehr gespannt und voller Vorfreude.

Regelmäßige Erzählungen gibt es hier im Blog.