Soldier Stance

„Die Geister, die ich rief, werd’ ich nun nicht los“. Diese Goetheworte aus dem „Zauberlehrling“ scheinen wie gemacht, für die Einleitung meiner offenen, reflektierenden Auseinandersetzung mit meinem Informationsmanagement. Denn: Ich habe wieder einen Punkt erreicht, wo mich die Masse an Informationen zu erdrücken erscheint und ich bin wohl nicht der einzige Wissensarbeiter, dem es dieser Tage so geht.

Mit der Zunahme an abonnierten Blog RSS Feeds, Twitter Accounts und Newslettern, wird rasch der Punkt der Überforderung erreicht. Die aktuelle Folge bei mir: (Un)bewusstes Ignorieren des RSS Readers , seit meine Feeds immerfort bei „1000+ ungelesenen Elementen“ stehen. Ein gut-tuendes Ausblenden der notwendigen Wissensarbeit (ähnlich wie bei der zu bügelnden Wäsche). Aber es hilft nicht. So ein Informationsurlaub ist immer wieder angenehm und sinnvoll, doch Lösung ist es keine.

Twitter Kastration

Mit dem hochfrequenten Microblogging Dienst Twitter kam ich vor einigen Monaten an einen ähnlichen Punkt. Auf die selbstgestellte Frage, ob das Überfliegen der hunderten Mikronachrichten noch einen entsprechenden Gegenwert erzeuge, musste ich verneinen. Die – radikale – Lösung dort: Ich blendete den allgemeinen Strom aller Personen, denen ich folge einfach aus und begann nur noch spezifischen Stichwörtern zu folgen. Mit Erfolg. Seit dieser radikalen Umstellung macht Twitter für mich subjektiv – beruflich – wieder Sinn.

Notwendiger Kompromiss (Verzicht): Ich bekomme eben nicht alles mehr mit. Dieses Risiko, das eigenltich keines ist, muss man wohl eingehen. Private Kurzmeldungen erreichen mich dafür umso mehr auf Facebook in Form der synchronisierten Statusmeldungen.

Weniger ist mehr.

Unsere Aufmerksamkeit, unsere Zeit und unsere Konzentration sind nicht unbegrenzt. Ein sinngemäßer, achtsamer Einsatz ist gefragt. Für mich heißt das aktuell auch: Bewusste PC und Internet Abstinenz, um sich z.B. dem aktuellen Brand eins Magazin und den vielen wartenden Büchern zu widmen. Dabei ist es keine Frage, ob Bücher wertiger als Blogbeiträge oder Twitter Kurznachrichten sind. Beides hat seinen Wert, Wichtigkeit und Funktion.

Vom Dialog zum Selbstgespräch

Doch muss ich beobachten, dass in meinem Alltag gerade Blogs in der letzten Zeit eine verminderte Aufmerksamkeit erfahren haben. Ein Grund mit Sicherheit: Zu viele Feeds im Reader. In einer Zeit, wo man in 3 Sekunden entscheidet ob etwas interessant sein könnte und es nur weitere 3 Sekunden dauert, um diesen potentiellen Wissensstrom zu abonnieren, wird man übermütig verschwenderisch, mit seiner Aufmerksamkeit. Und auch wenn das „Drüberlesen“ über die hunderten Feed Überschriften wiederum „ratz-fatz“ erledigt ist, bleibt bei mir die Frage: Und was bringt es?

Wenn wir von konzentrierten Wissensarbeitern zu hocheffizienten Informationsüberfliegern mutieren, die interessant klingende Inhalte auf Twitter rüber wuchten, anstatt sie zu lesen, sollten wir überlegen lieber auf der Erde zu bleiben. Ein Phänomen dieser Veränderung ist für mich (hier reflektiere ich vor allem mein eigenes Verhalten) die starke Abnahme des Referenzierens in der Blogosphäre. Wir scheinen zu einsamen Web Kolumnisten zu degenerieren, die lieber hoffen die “eine” Superkolumne zu schreiben, anstatt sich wieder auf das zu besinnen, wo wir herkommen: Auf ein gemeinsames, sich gegenseitig befruchtendes Weiterdenken von Gedanken. Doch dafür braucht es wohl auch Ruhe, Fokussierung und Zeit. Wer hat die schon?

Weniger ist mehr. Und Null ist der Anfang.

Ich verspreche Besserung und der Anfang dafür mache ich mit dem radikalen Aufräumen meiner abonnierten Feeds. Mein lieber Freund und Kollege Luca Hammer meinte es gäbe nur eine Lösung: Alle abonnierten Feeds kaltblütig zu löschen und von Null anzufangen.

Ich kann diesem Neuanfang vieles abgewinnen, denn auch wir entwickeln uns in diesem hochfrequenten Informationskosmos ständig weiter. Welche Information für mich aktuell Wert hat, wird von vielen Faktoren definiert, die selbst ständig in Bewegung sind. Was vor einem Jahr noch von hohem Wert war, ist heute vielleicht gerade noch U-Bahn (Handy) Lektüre.

Ob man dabei nicht viel verliert, beim totalen Löschen seiner Informationsstruktur? Hier hatte Helge Farnberger mal einen guten Spruch parat: „Was mich nicht über irgendeinen Kanal erreicht, das ist nicht wichtig“ (gedankliche Wiedergabe, kein O-Ton).

Und mal anders gefragt. Wäre es nicht ein wenig paradox, wenn wir unser Informationsmanagement nicht halbjährlich überdenken und unter Umständen neu aufsetzen würden, in dieser technologisch-kulturell rasanten Zeit?

Ich warte auf Google Wave und bin gleichzeitig hoch skeptisch, ob ein Unternehmen, das – aufgrund des Businessmodels – eigentlich erreichen will, dass ich immer mehr Informationen suche, publiziere und bewerte, mir dabei helfen will (kann) ein sinngemäßes und effektives (nicht effizientes) Wissensmanagement aufzustellen.

Alle Feeds löschen?

-> Ja.

Dieser Vorgang kann nicht rückgängig gemacht werden. Wirklich löschen?

-> Ja.

Feeds gelöscht. Anzahl abonnierter Feeds: 0