Startup Weekend Vienna und die Suche nach Entrepreneurship Kultur

Jun 11, 2009 11 Kommentare Entrepreneurship

Jordan and Colin, Candidates

Entrepreneurship Kultur in Österreich. Das klingt fast wie ein Oxymoron das zum Schmunzeln einlädt. Oder bin ich schon wieder mal zu radikal mit meiner Kritik an unserem Land? Sprudelnde Reflexion meiner Eindrücke vom ersten Startup Weekend in Wien (wo ich als Experte eingeladen wurde). Kommentare sehr willkommen. Aja: Dies ist mein Blogbeitrag #300.

Ein Startup Weekend, das ist – für all jene denen der Begriff neu ist – ein modernes Eventformat mit dem Ziel in 54 Stunden Startup Ideen aus dem Boden zu stampfen. Mitmachen kann grundsätzlich jeder und so entstehen in dieser kurzen Zeit auch bunte Teams, die sich meist vor Ort erst kennen gelernt haben.

Startup Weekend recruits a highly motivated group of developers, business managers, startup enthusiasts, marketing gurus, graphic artists and more to a 54 hour event that builds communities, companies and projects. (Quelle: http://startupweekend.com)

Das erste Startup Weekend in Wien, organisiert von ICONS (consulting by students) und JSUG (Java Student User Group), hatte den speziellen Fokus auf Studierende der Wirtschaftsuniversität Wien und der Technischen Universität Wien. Das Microsoft Innovation Centre diente als Brutkasten und ich kann den Organisatoren herzlich gratulieren, dass sie diesen „quick prototype” auf die Beine gestellt haben. Rund 60 Teilnehmende am ersten Tag und 30 am zweiten sind ein großer Erfolg und lassen vorahnen, dass der nächste Event entsprechend größer werden wird (Hoffentlich steigt auch die dramatisch niedrige Frauenquote).

54 Stunden. “Noch” nicht ausreichend.

Kernfrage: Reichten die 54 Stunden aus, um brauchbare Startup Ideen auf die Beine zu stellen, deren Abschluss Präsentation mich überzeugt hat? Zu 90% – Nein.

Bis auf die Präsentation eines US-amerikanischen (älteren) Teilnehmers, der für mich aber außer Konkurrenz zu betrachten war, wollte mich keine Präsentation vom Sessel reißen. Das soll nun auch nicht zwingend der Anspruch sein, aber es lohnt zu fragen – Warum nicht?

Für mich waren meine Eindrücke vor Ort und die Gespräche mit den Studierenden eine Bestätigung für mein Bild von der österreichischen Entrepreneurship Kultur. Böse Zungen könnten jetzt fragen „Welche Entrepreneurship Kultur” – und die Frage ist nicht unberechtigt. Man merkt – selbst bei Studierenden des Institutes für Entrepreneurship & Innovation der WU – dass sie zwar die wichtigen Basics (Grundbegriffe) kennen – aber weit vom „Beherrschen” und Anwenden entfernt sind. Das mag man von den TU Studierenden auch nicht erwarten und einer brachte es auch treffend auf den Punkt, als er meinte es sei bereichernd gewesen mit den Wirtschaftsstudierenden zu arbeiten, da er noch nie von diesem „USP” gehört hatte.

Meiner Meinung nach ist es auch nicht verwunderlich, dass auch die WU Studierende nicht die von mir erhoffte Fitness in Sachen Entrepreneurship aufwiesen. Denn: Wenn das quasi einzige einschlägige Institut primär von großen (Industrie) Konzernen finanzielle Unterstützung (oder Aufträge) erfährt, entsprechend auch die zugewiesenen Diplomarbeiten aussehen, liegt der Verdacht nahe, dass dort eher „Intrapreneurship” vermittelt wird, als ein offensives, schöpferisches, nach außen gerichtetes, schumpeterisches Unternehmertum.

Bei aller Wertschätzung für Herrn Dr. Franke. Nix für Ungut. Das mag ein Systemproblem sein.

Das spiegelt sich auch darin wieder, dass die wenigsten Leute die ich vor Ort fragte ob sie eben entschlossen seien selbst ein Unternehmen zu gründen, entschlossen mit JA antworten (Erschütternd für mich, gerade beim Startup Weekend hätte ich das erwartet). Da hört man schon eher Aussagen wie „Vielleicht, wenn ich eine gute Idee habe” – was ich kopfschüttelnd zu Kenntnis nehmen muss. Aber: Muss die Lust und Leidenschaft Entrepreneur zu werden nicht noch vor der konkreten Idee gegeben sein?

Die vermeintliche Erfahrung

Oder man hört: „Vielleicht später. Vorher will ich aber in einer Unternehmen und Erfahrung sammeln“. Da zucke ich zusammen, wenn jemand meint er könne wichtige unternehmerische Erfahrung bei einem halbstaatlichen Großkonzern sammeln, wo man einem Beamten ähnlich ein Rädchen im geschützten System ist.

Sorry Leute – die wichtigste Erfahrung ist jene „live” und „on air” Fehler machen zu können und aus diesen (schnell) zu lernen (Siehe dazu auch die 3 Phasen von Entrepreneurship: (1) the beginning, (2) the journey, (3) the new beginning). Natürlich ist man in Europa eher der Depp, wenn man ein Startup in den Sand setzt, während man in den USA damit seinen Wert steigern würde, doch es gibt schlimmeres als eine Zeit lang als Verrückter gesehen zu werden. Zum Beispiel sinnentleerte Tätigkeiten und innere Kündigung, während man schon am Mittwoch die Halbzeit bis zum Wochenende feiert.

Natürlich kann ich verstehen, dass man nach 5 Jahren Uni mit hunderten „Multiple Choice” Tests (und einer Dröhnung Kottler) sich nicht befähigt bzw. motiviert fühlt ein Unternehmen zu gründen und ich will es auch nicht als Vorwurf gegenüber den Studierenden verstanden wissen. Meine Kritik soll vor allem die politischen Entscheider treffen und parallel die Medien, die noch immer Manager mit Unternehmer gleich setzen. Hier gibt es enorm viel zu tun – auch im Bildungssystem.

Ich fühle mich auf jeden Fall bestärkt weiter den irrsinnigen Plan zu verfolgen eine unternehmerische Revolution zu fördern. Oder sagen wir besser, die Entstehung einer leidenschaftlichen und coolen Entrepreneurship Kultur zu unterstützen. Denn die nächste Generationen soll darauf vorbereitet sein, dass die Verwandtschaft und der Freundeskreis auf die Ankündigung hin man wolle ein Unternehmen gründen entsetzt von sich gibt: „Tu Dir das nicht an!“.

Ich bleibe kämpferischer Optimist und bin hoch motiviert mit WeissSee (Sustainability & Entrepreneurship) und anderen (noch geheimen) Projekten meinen Beitrag zu leisten. Und ich freue mich jedenfalls auf das nächste Startup Weekend in Wien (geplant im Herbst) und werde es mit voller Kraft – gerne – unterstützen.

Also an alle TeilnehmerInnen vom ersten Startup Weekend: Ich seid auf dem richtigen Weg, das Interesse ist da, das Wissen kann man schnell aufbauen – die Entschlossenheit muss im Herzen entfesselt und im Kopf verwurzelt werden.

PS: Nächste Woche präsentiere ich beim B2B Netzwerk des Wirtschaftsbundes über „Sustainability & Entrepreneurship”. Freue mich auf einen spannenden Abend.

Woher mein „Entrepreneurship” Spirit kommt? Nicht von hier, sondern von einem US-amerikanischen Projekt names “Junior Achievement Company Program“, wo SchülerInnein ein ECHTES Unternehmen gründen. Ich nahm damals als Schüler selbst teil und durfte als beste „School Company” zum internationalen Treffen nach Chicago fliegen, um mit 120 jungen Leuten aus 90 Ländern zusammenzutreffen.

Sowas prägt – das kann Dir auch die Angestellte beim Gründerservice nicht nehmen.

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11 Kommentare zu “Startup Weekend Vienna und die Suche nach Entrepreneurship Kultur”

  1. Richard Jank says:

    Lieber Hannes,

    danke für die Schilderung deiner Eindrücke und die Analyse! ich kann deinen Satz “die Entstehung einer leidenschaftlichen und coolen Entrepreneurship Kultur” nur unterstützen – die ersten schritte, so glaube ich auch mit dieser initiative, sind auf diesem weg schon gegangen, es werden noch viele notwendig sein und folgen müssen, um damit die Entrepreneurship Kultur in Österreich zu heben!
    ich blicke gespannt dem nächsten startup-weekend entgegen, ein nächster Schritt!
    liebe grüße
    richard

  2. Vinzenz Weber says:

    Ich fand deinen Beitrag sehr interessant, vor allem weil ich das Event anders empfunden habe. Um es vorwegzunehmen, ich bin Selbständig und war in erster Linie dort um Leute kennen zu lernen und nicht um meine Ideen zu präsentieren. Und ich denke das war letztendlich auch das Ziel der Veranstaltung. Leute mit Gründungsinteresse aus verschiedenen Richtungen zueinander zu bringen und Kontakte herzustellen war die Quintessenz der Übung.

    Sonst kann ich mich Deiner Meinung anschließen. Entrepreneurship wird in Österreich generell eher klein geschrieben. Hat jemand eine gute Idee so bekommt man mit großer Wahrscheinlichkeit zu hören: “Bist deppat, des konst jo ned mochn! Wos du do olles brauchst! Na, vergiss es!” Die Angst vor Blamage und Niederlage sind weit größer als die Lust eine Idee umzusetzen. Dass es sich dabei lediglich um eine Einstellungssache handelt habe ich auch erst innerhalb der vergangenen 2 Jahre gelernt. Es als positiv zu sehen eine oder mehrere Ideen in den Sand zu setzen muss man wenn man in Österreich aufwächst erst lernen.

    Umso wichtiger finde ich sind dann solche Veranstaltungen wie das Startup Weekend um den potentiellen Unternehmern Mut zu machen und Ihnen zu zeigen dass es noch andere Leute gibt die mitunter verrückte Ideen haben. Erst einmal in einem Unternehmen anzufangen finde ich auch nicht schlecht. Dort findet man vielleicht heraus dass “der Chef” auch nur ein Mensch ist und Fehler macht und das man es sicher besser könnte! ;)

    Weiters bin ich überzeugt dass die wirklich großen Ideen bei dem Event noch nicht vorgestellt wurden. Vielleicht zum einen aus Angst sich zu blamieren ganz sicher aber aus Angst ein anderer könnte die Idee übernehmen und schneller umsetzen. Ich denke dass es ausgesprochen gut ist vorerst einmal in einem Team an einer kleinen Idee zu arbeiten und dabei vielleicht Leute kennenzulernen mit denen man seine eigentlichen Ideen später umsetzen kann.

    Fazit aus meiner Sicht: Das Startup Weekend war ein voller Erfolg, das kommende im November wird sicher noch besser. An der generellen Einstellung der Österreicher zum Unternehmertum lässt sich noch vieles verbessern, das Startup Weekend war auf alle Fälle ein gelungener Versuch genau das zu tun.

  3. Hannes Offenbacher says:

    @Vinzenz: Du greifst zwei weitere – typische – österreichische Zugänge auf, die ich gerne verändern würde.

    (1) Ein Drang Dinge zu entschärfen, zu reduzieren und “gemütlich” zu machen

    Die Startup Weekend Idee ist ganz klar: Startup Ideen entwickeln und loslegen. Tatsächlich gründen, wirklich erfolgreich sein. Dieser Anspruch ist aber ein hoher und mit solchen Erwartungen wird die Sache schnell ernst und stressig. Da steigt der Österreicher lieber aus… Für mich beeindruckend: Die Power hinter der Präsentation des US-Amerikaners. Der wollte nicht gründen, der wird gründen. Entschlossenheit.

    Man liest auf deren Website: NO TALK. ALL ACTION… und “START PROJECTS, START COMPANIES. Ein Networking Treff soll es nicht sein.

    (2) Die Angst Ideen zu präsentieren

    Da hast Du wiederum vollkommen recht. Da fürchten sich viele. Wobei in Wirklichkeit die Ideen, wenn man sie teilt und gemeinsam reflektiert, schnell besser werden (ausgenommen sind technische innovationen, die fix und fertig vor der patentierung stehen). Hier müssen wir lernen Ideen und wilde Gedanken auszusprechen. Das ist meist der erste Schritt, um Realität daraus zu machen.

    @Richard: Wir sollten mal wieder auf einen Spritzer gehen, um nachzudenken welche neuen Projekte/Initiativen wir starten können, um einen Beitrag zu leisten (vor allem auf der regionalen Ebene) :-)

  4. Vinzenz Weber says:

    ad 1) Da muss ich Dir Recht geben und kann mich leider (noch) nicht ausschließen. Nur mal schaun was passiert hilft nicht ein Unternehmen zu gründen. In diesem Punkt muss ich meine Ansichten ganz klar auch noch verbessern!
    Denkst du aber nicht auch dass man zuerst einmal absolut von seiner eigenen Idee überzeugt sein muss (bsp US-Amerikaner) um den Schritt zu machen sie vor anderen im großen Stil zu präsentieren? Wie gewinnt man diese Überzeugung? Oder kommt das einfach mit der Zeit wenn man versucht seine Ideen umzusetzen?

    ad 2) Richtig, im Team ist man stärker. Eine anfänglich verrückte Idee kann durch zutun vieler in kurzer Zeit zu einer wirklich guten verrückten Idee mutieren. Aber was wenn die Idee wirklich ausgereift ist, dann muss man sie doch umsezten und dann wirds schnell stressig. Zurück zu Punkt 1. ;)

  5. Hannes Offenbacher says:

    ad 1) ich denke es hängt natürlich viel damit zusammen, welche reife die idee hat. der US amerikaner hatte alle wesentlichen punkte durchgedacht – er konnte eigentlich loslegen. das gibt natürlich sicherheit und man kann mit leidenschaft präsentieren..

    und: natürlich kann man auch zum startup weekend komme, ohne auch gründen zu wollen. das verhältnis sollte aber nicht unter 2/3 entrepreneurs 1/3 pusher, kreative, etc. fallen..

    aus meiner persönlichen erfahrung kann ich aber versprechen, umso länger (und intensiver) man sich mit dem thema “selbst gründen” ernsthaft beschäftigt, umso vorstellbarer wird es. und dann passiert es ;)

    LG

  6. Vinzenz Weber says:

    “umso länger (und intensiver) man sich mit dem thema “selbst gründen” ernsthaft beschäftigt, umso vorstellbarer wird es. und dann passiert es”

    Richtig, letztendlich geht es dann darum sich mit dem Thema “Unternehmer” zu beschäftigen und damit sind wir auch wieder am Anfang der Geschichte, dem Startup Weekend, das unter Umständen “nur” mal zum hineinschnuppern besucht wird und die eigene Idee mal doch lieber noch in der Tasche bleibt. Man lernt Leute kennen und erzählt denen dann vielleicht doch seine große weltverändernde Idee und gründet ein Jahr später.

    Das man mit seiner Entscheidung zu gründen auch schon viel früher dran sein könnte sofern es gesellschaftlich besser unterstützt würde steht im weiteren außer Frage. Ich bin jedenfalls schon gespannt auf das nächste Event dieser Art.

  7. Hannes Offenbacher says:

    hehe… jetzt kann ich noch entgegnen “greife nach den sternen, verfehlst du sie, landest du noch immer beim mond”.

    anders gesagt – ich würde das ziel (anspruch) des startup weekends nicht “nach unten” revidieren, sondern groß und fordernd halten. niveau verliert man leicht und locker von selbst ;)

  8. pezik says:

    schöner beitrag, danke!

    ich komm seit einiger zeit auch nicht mehr los vom entrepreneurship-gedanken (besagte faltin-lv in berlin). hab vom startup-weekend leider nichts mitbekommen, ansonsten hätt ich die frauenquote gern gehoben :) womöglich hätts mich aufgrund der wu/bwl-lastigkeit aber auch ein wenig abgeschreckt… wobei das jetzt unter umständen zuviel des vorurteils ist, vielfach kommt der mir der schwerpunkt der einschlägigen bwl-entrepreneurship-institute jedoch sehr finanzierungsfixiert vor.

    eine entrepreneurship-kultur in ö aufzubauen wär schön, ich bin dabei! :)

  9. Hannes Offenbacher says:

    @pezik: sehr gut. wir basteln derzeit an einem barcamp für “sustainability & entrepreneurship” !

  10. pezik says:

    klingt interessant, wenn es sich irgendwie einrichten lässt, bin ich auf alle fälle dabei!

  11. Christian Pirstinger says:

    Ausgezeichnet, tolles Thema für einen Blog.

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