Jordan and Colin, Candidates

Entrepreneurship Kultur in Österreich. Das klingt fast wie ein Oxymoron das zum Schmunzeln einlädt. Oder bin ich schon wieder mal zu radikal mit meiner Kritik an unserem Land? Sprudelnde Reflexion meiner Eindrücke vom ersten Startup Weekend in Wien (wo ich als Experte eingeladen wurde). Kommentare sehr willkommen. Aja: Dies ist mein Blogbeitrag #300.

Ein Startup Weekend, das ist – für all jene denen der Begriff neu ist – ein modernes Eventformat mit dem Ziel in 54 Stunden Startup Ideen aus dem Boden zu stampfen. Mitmachen kann grundsätzlich jeder und so entstehen in dieser kurzen Zeit auch bunte Teams, die sich meist vor Ort erst kennen gelernt haben.

Startup Weekend recruits a highly motivated group of developers, business managers, startup enthusiasts, marketing gurus, graphic artists and more to a 54 hour event that builds communities, companies and projects. (Quelle: http://startupweekend.com)

Das erste Startup Weekend in Wien, organisiert von ICONS (consulting by students) und JSUG (Java Student User Group), hatte den speziellen Fokus auf Studierende der Wirtschaftsuniversität Wien und der Technischen Universität Wien. Das Microsoft Innovation Centre diente als Brutkasten und ich kann den Organisatoren herzlich gratulieren, dass sie diesen „quick prototype” auf die Beine gestellt haben. Rund 60 Teilnehmende am ersten Tag und 30 am zweiten sind ein großer Erfolg und lassen vorahnen, dass der nächste Event entsprechend größer werden wird (Hoffentlich steigt auch die dramatisch niedrige Frauenquote).

54 Stunden. “Noch” nicht ausreichend.

Kernfrage: Reichten die 54 Stunden aus, um brauchbare Startup Ideen auf die Beine zu stellen, deren Abschluss Präsentation mich überzeugt hat? Zu 90% – Nein.

Bis auf die Präsentation eines US-amerikanischen (älteren) Teilnehmers, der für mich aber außer Konkurrenz zu betrachten war, wollte mich keine Präsentation vom Sessel reißen. Das soll nun auch nicht zwingend der Anspruch sein, aber es lohnt zu fragen – Warum nicht?

Für mich waren meine Eindrücke vor Ort und die Gespräche mit den Studierenden eine Bestätigung für mein Bild von der österreichischen Entrepreneurship Kultur. Böse Zungen könnten jetzt fragen „Welche Entrepreneurship Kultur” – und die Frage ist nicht unberechtigt. Man merkt – selbst bei Studierenden des Institutes für Entrepreneurship & Innovation der WU – dass sie zwar die wichtigen Basics (Grundbegriffe) kennen – aber weit vom „Beherrschen” und Anwenden entfernt sind. Das mag man von den TU Studierenden auch nicht erwarten und einer brachte es auch treffend auf den Punkt, als er meinte es sei bereichernd gewesen mit den Wirtschaftsstudierenden zu arbeiten, da er noch nie von diesem „USP” gehört hatte.

Meiner Meinung nach ist es auch nicht verwunderlich, dass auch die WU Studierende nicht die von mir erhoffte Fitness in Sachen Entrepreneurship aufwiesen. Denn: Wenn das quasi einzige einschlägige Institut primär von großen (Industrie) Konzernen finanzielle Unterstützung (oder Aufträge) erfährt, entsprechend auch die zugewiesenen Diplomarbeiten aussehen, liegt der Verdacht nahe, dass dort eher „Intrapreneurship” vermittelt wird, als ein offensives, schöpferisches, nach außen gerichtetes, schumpeterisches Unternehmertum.

Bei aller Wertschätzung für Herrn Dr. Franke. Nix für Ungut. Das mag ein Systemproblem sein.

Das spiegelt sich auch darin wieder, dass die wenigsten Leute die ich vor Ort fragte ob sie eben entschlossen seien selbst ein Unternehmen zu gründen, entschlossen mit JA antworten (Erschütternd für mich, gerade beim Startup Weekend hätte ich das erwartet). Da hört man schon eher Aussagen wie „Vielleicht, wenn ich eine gute Idee habe” – was ich kopfschüttelnd zu Kenntnis nehmen muss. Aber: Muss die Lust und Leidenschaft Entrepreneur zu werden nicht noch vor der konkreten Idee gegeben sein?

Die vermeintliche Erfahrung

Oder man hört: „Vielleicht später. Vorher will ich aber in einer Unternehmen und Erfahrung sammeln“. Da zucke ich zusammen, wenn jemand meint er könne wichtige unternehmerische Erfahrung bei einem halbstaatlichen Großkonzern sammeln, wo man einem Beamten ähnlich ein Rädchen im geschützten System ist.

Sorry Leute – die wichtigste Erfahrung ist jene „live” und „on air” Fehler machen zu können und aus diesen (schnell) zu lernen (Siehe dazu auch die 3 Phasen von Entrepreneurship: (1) the beginning, (2) the journey, (3) the new beginning). Natürlich ist man in Europa eher der Depp, wenn man ein Startup in den Sand setzt, während man in den USA damit seinen Wert steigern würde, doch es gibt schlimmeres als eine Zeit lang als Verrückter gesehen zu werden. Zum Beispiel sinnentleerte Tätigkeiten und innere Kündigung, während man schon am Mittwoch die Halbzeit bis zum Wochenende feiert.

Natürlich kann ich verstehen, dass man nach 5 Jahren Uni mit hunderten „Multiple Choice” Tests (und einer Dröhnung Kottler) sich nicht befähigt bzw. motiviert fühlt ein Unternehmen zu gründen und ich will es auch nicht als Vorwurf gegenüber den Studierenden verstanden wissen. Meine Kritik soll vor allem die politischen Entscheider treffen und parallel die Medien, die noch immer Manager mit Unternehmer gleich setzen. Hier gibt es enorm viel zu tun – auch im Bildungssystem.

Ich fühle mich auf jeden Fall bestärkt weiter den irrsinnigen Plan zu verfolgen eine unternehmerische Revolution zu fördern. Oder sagen wir besser, die Entstehung einer leidenschaftlichen und coolen Entrepreneurship Kultur zu unterstützen. Denn die nächste Generationen soll darauf vorbereitet sein, dass die Verwandtschaft und der Freundeskreis auf die Ankündigung hin man wolle ein Unternehmen gründen entsetzt von sich gibt: „Tu Dir das nicht an!“.

Ich bleibe kämpferischer Optimist und bin hoch motiviert mit WeissSee (Sustainability & Entrepreneurship) und anderen (noch geheimen) Projekten meinen Beitrag zu leisten. Und ich freue mich jedenfalls auf das nächste Startup Weekend in Wien (geplant im Herbst) und werde es mit voller Kraft – gerne – unterstützen.

Also an alle TeilnehmerInnen vom ersten Startup Weekend: Ich seid auf dem richtigen Weg, das Interesse ist da, das Wissen kann man schnell aufbauen – die Entschlossenheit muss im Herzen entfesselt und im Kopf verwurzelt werden.

PS: Nächste Woche präsentiere ich beim B2B Netzwerk des Wirtschaftsbundes über „Sustainability & Entrepreneurship”. Freue mich auf einen spannenden Abend.

Woher mein „Entrepreneurship” Spirit kommt? Nicht von hier, sondern von einem US-amerikanischen Projekt names “Junior Achievement Company Program“, wo SchülerInnein ein ECHTES Unternehmen gründen. Ich nahm damals als Schüler selbst teil und durfte als beste „School Company” zum internationalen Treffen nach Chicago fliegen, um mit 120 jungen Leuten aus 90 Ländern zusammenzutreffen.

Sowas prägt – das kann Dir auch die Angestellte beim Gründerservice nicht nehmen.