Viele Leute schmunzeln, wenn sie den von mir gewählten Namen meines Blogs das erste Mal hören. Er ist ambitioniert ohne wirklich provokant zu sein. Meine ich. Andere haben gleich einen Einwand parat. Wie: „Muss es immer besser werden?”. Andere scherzen „Besser geht’s nimmer” wäre auch lustig und wieder andere orten sogleich einen krankhaften Ehrgeiz in der Aussage.
Gerade in der Zeit der neuen Wirtschaftskrise, beschäftigt mich mein eigener Blog Titel auch selbst wieder intensiver. In meiner Wahrnehmung der Politik und der Gesellschaft im Allgemeinen – hier in Österreich – scheinen andere Grundeinstellungen zu herrschen. Da geht es nicht um besser machen, sondern um grundsätzlich etwas zu tun, um nicht untätig zu wirken. “Packen wir es an!”. Wie, wo und was ist wurst. Das reicht schon.
Viele Österreicher nutzen bewusst oder unbewusst den Ausspruch: „Da gibt’s Schlimmeres”. Diese scheinbar unbedeutende Aussage im Hinblick auf schlechte Situationen und Entwicklungen lässt mich zusammenzucken. „Da gibt es Schlimmeres” – die Hochkultur des österreichischen Mittelmaßes. Geht es uns schlecht, wird schnell auf jene verwiesen, denen es noch schlechter geht. Damit wird automatisch das eigene Leid gemildert, die Dramatik eliminiert. Hemd-raufkrempeln nicht nötig.
Unsere Wirtschaft schrumpft (kracht). Unser Budget kollabiert. Unsere Bildung ist im Arsch. Das politische System führt sich selbst ad absurdum. Das Volk verdummt vorm TV und die Politik wird von Typen beherrscht, die man nicht zum eigenen Grillfest einladen würde. ABER: „Es gibt Schlimmeres”.
Seltsam ist, dass dieser Ausspruch oft von Menschen kommt, die nur wenige Minuten danach seufzend mitteilen: „Früher war alles besser”. Ein Ausspruch der ja eigentlich Antrieb verleihen könnte, etwas wieder so gut wie früher zu machen. Leider nein. Es scheint eher eine Aussage zu sein, welche eben jene Möglichkeit, etwas besser (wie früher) zu machen, als unmöglich abstuft. Es ist vergangen. Die fetten Jahre sind vorbei. Aus und vorbei. Schade, aber bequem.
Es sind oft unbedacht dahingesagte Floskeln. Kulturell eingeimpfte Standard-Aussagen für (zu) komplexe Situationen, in denen das Bessermachen einfach zu anstrengend wäre und Opfer fordern würde. Es ist eine Flucht in das Einfache und ein gleichzeitiges Wegschieben der Verantwortung, was in mir einen geistigen Brechreiz auslöst. Klingt grauslich, ist aber so.
Man kann von Management Guru und Autor Fredmund Malik halten was man will. Seine Forderung, dass komplexe Probleme eben auch komplexe Lösungen brauchen, macht Sinn. So schwer das mit der medial erzwungenen Simplifizierung von politischen Inhalten auch vereinbar ist. Auch wenn es noch so einfach ist, auf den traditionellen Maiaufmärschen mit inhaltslosen (historisch gut bekannten) Parolen die angetrunkene Menge zum Grölen zu bringen. Sehr wertvoll.
Unsere Gedanken beeinflussen die Wirklichkeit. Wir alle sind in unserer Kindheit mit Werten und Haltungen geprägt worden und vieles ist uns selbst heute nicht bewusst. Es äußert sich aber oft in diesen unscheinbaren Aussagen, die in angeregten Dialogen fallen. Zu Unterschätzen sind diese versteckten Glaubenssätze nicht. Sie stecken tief in uns und prägen unsere Gesellschaft. Das „Es gibt Schlimmeres” passt gut zur oft charmant verkauften „Österreichischen Gemütlichkeit”.
Ich gestehe hier: Ich möchte nicht gemütlich sein. Gemütlich ist meine Oma.
PS: „Das war schon immer so”. “Das wirst Du alleine nicht ändern”. „Das ist einfach so”. “Was kann ich schon tun”. „Du wirst immer einen Chef haben”. „Das Leben ist hart”. „Das Geld liegt nicht auf der Straße”. “…..”
Nachtrag: Das komplexe Probleme, komplexe Lösungen benötigen, hat nicht Herr Malik erfunden. Es ist ein kybernetisches Naturgesetz, beschrieben 1956 von W. Ross Ashby. Danke @ Maria Pruckner.
Keine ähnlichen Beiträge gefunden.
Mag. Zinkner Martin ;)
Mai 2nd, 2009 um 9:34
Ich erinnere mich an einen Ausspruch eines Lehrers von mir, der einmal gemeint hat, dass das österreichische Wirtschaftswunder wirklich ein Wunder ist, da die gesellschaftlichen Voraussetzungen in Österreich dafür eigentlich nie gegeben waren. Und den Ausspruch: Früher war alles besser, hasse ich zutiefst. Was war den besser? Trotz der derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen hat Österreich ein Wohlstandsniveau wie es das hier noch nie gegeben hat. Sozialrechtliche Absicherungen die viele Länder Europas (ausgenommen die skandinavischen Länder) nicht annähernd erreichen……
Zur Komplexität fällt mir der frühere Bundeskanzler Fred Sinnowatz ein, der einmal einen Ausspruch tätigte, der dann aus dem Zusammenhang gerissen wurde: Es ist alles sehr kompliziert.
Zum 1.Mai: Für mich sind die gesamten gesetzlichen Feiertage total überholt. Ich würde alles streichen und stattdessen mehr Urlaub einführen. Dann kann sich jeder aussuchen wann er frei haben möchte….Ich mein, diese kirchlichen Donnerstagfeiertag? Was sollen die?
Dominik
Mai 2nd, 2009 um 10:15
Ein wahrhaft gelungener Rundumschlag!
Auch ich bin der Meinung, dass es einfach immer besser gehen MUSS. Ansonsten wäre doch das ganze Leben viel zu langweilig und beileibe keine Herausforderung. Zwar pflege auch ich die österreichische Gemütlichkeit, aber nach Höherem zu streben gehört ebenso zu meiner Person. Und selbst wenn meine Träume womöglich utopisch sind, nach ihnen zu streben ist trotzdem etwas Schönes.
Es ist traurig, dass die Politik gerade in einer Zeit wie dieser eben nur arbeitet, um nicht als untätig bezeichnet zu werden. Mit etwas Mut und Weitblick könnte man gerade jetzt großartige Sachen umsetzen.
Maria Pruckner
Mai 2nd, 2009 um 12:11
Hallo Herr Offenbacher
Darf ich anmerken: Dass komplexe Probleme mindestens so komplexe Lösungen brauchen, ist keine Weisheit von Prof. Malik, sondern Ashbys “Law of Requisite Variety”, ein kybernetisches Naturgesetz, beschrieben 1956 von W. Ross Ashby.
h2offenbacher
Mai 2nd, 2009 um 12:50
Liebe Frau Pruckner, dankeschön – aber ich habe ja auch nur geschrieben “seine Forderung” (wie vor kurzem erneut in seinem Newsletter). aber sie haben recht, es mag so rüber kommen, dass es von ihm stammt.
Maria Pruckner
Mai 2nd, 2009 um 14:21
Lieber Herr Offenbacher, schon gut. Mir ging es auch mehr darum, darauf hinzuweisen, dass es ein seit Jahrzehnten bekanntes Naturgesetz ist. Was helfen würde, würde man es akzeptieren. Dann verstünde man auch die aktuelle Krise besser und wüsste vor allem, wie man sich immer wieder in welche hineinmanöveriert.
Ira Mollay
Mai 3rd, 2009 um 0:10
“Besser gehts immer” entspricht auch ganz der Philosophie der Theory of Constraints (Engpasstheorie – http://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_der_Einschr%C3%A4nkungen), die das jeweils schwächste Glied in einer Kette solange bearbeitet, bis es transformiert ist und dadurch ständig Verbesserungen erzielt. In der Unternehmensstrategie eingesetzt ist die TOC ein extrem wirksames Mittel für stetige Verbesserung. Ganz gegen jedes Mittelmaß.
Heinz Peter Wallner
Mai 25th, 2009 um 20:48
Lieber Hannes, hier noch ein paar Gedanken zu „besser geht’s immer“ …
Es lässt sich nicht leugnen: die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die allgegenwärtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weiter gehen kann, sagt Peter Sloterdijk im Buch: Du musst dein Leben ändern. Und „besser geht’s immer“ braucht eine anspruchsvolle Selbstbeobachtung
und meint – aus meiner Sicht – ein Aktionsmuster so zu wiederholen, dass infolge seiner Ausführung ein Unterschied entsteht. Wir wirken somit der Kraft entgegen, so zu bleiben wie wir sind. Die Kunst der Zukunftsfähigkeit fordert von uns eine ethische Entscheidung unserer ständigen Wiederholungen i.S. von stärker oder klarer nachhaltigen Entscheidungen.
Die Krise gibt uns – Wirtschaftstreibenden – dazu genügend Anlass, den Veränderungsprozess „besser geht’s immer“ intensiver voranzutreiben. Denn, wenig kann am Unternehmen bleiben wie es war:
1. Neues Denken: Die unternehmerischen Denkwelten werden von Grund auf neu strukturiert …
2. Neue Haltung: Die Gefühlswelten werden gründlich reformiert …
3. Neues Tun: Das Tun wir neu geprägt …
4. Neue Erkenntnis: Das Lernen wird auf die Basis der guten Wiederholung und der ethischen Entscheidung für ausgewählte Wiederholungsreihen gestellt…
„Besser geht’s immer“ ist ein sanfter Entwicklungsweg, der kleine Schritte ebenso zu lässt wie den Misserfolg. Dann braucht es nur noch ein „mach kein Problem draus“ und schon stehen wir am Beginn der nächsten Wiederholung. Zur Wiederholung sind wir Menschen ohnehin verdammt. Warum also nicht zumindest manchmal was verbessern? Kurz, ich bin ein Fan von “besser geht’s immer”.
Heinz Peter Wallner
http://www.lilamanagement.wordpress.com