Ein gefährlicher Clown
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Klaus Werner-Lobo ist ein Clown. Und dazu erfolgreicher Autor von wachrüttelnden Büchern wie Schwarzbuch Öl und Uns gehört die Welt (Lesetipp!). Ich traf Klaus auf eine Melange am Wiener Karmelitermarkt und führte mit ihm ein anregendes Gespräch über Freiheit, Macht und Gier, sowie seine Pläne sich als Clown den Mächtigen gegenüber zu stellen. Hier nun der inspirierende Output eines (nachfolgenden) vorweihnachtlichen “Email Ping-Pong Interviews”.
1) Lieber Klaus, Weihnachten steht vor der Tür. Die Konsummaschine läuft trotz medial angekündigter Wirtschaftskrise auf Hochtouren. Was denkst Du Dir, wenn Du das hektische Treiben in der Stadt beobachtest?
Ich krieg Fluchtgedanken. Irgendwohin, wo kein Weihnachten ist. Es hat mich immer schon eigenartig berührt, dass das sogenannte “Fest der Liebe” in Kaufrausch ausartet, und seit die Leute unter dem Motto “Geiz ist geil!” auf Schnäppchenjagd gehetzt werden, denke ich auf den Einkaufsstraßen an Schrotflinten. Schlimmer ist noch, dass nun wegen der Finanzkrise auch ansonsten grundvernünftige Menschen den Massenkonsum zur obersten Bürgerpflicht erheben, um “die Wirtschaft” zu retten. Das erinnert mich an ähnlich lautende Appele von George W. Bush nach 9/11. Geht’s noch? Die “Wirtschaftskrise” war und ist eine Verteilungskrise, und der unreflektierte Konsum von Gütern treibt nicht nur die ungerechte Umverteilung von Wohlstand von den Armen zu den Reichen voran, er verschlimmert auch das langfristige Hauptproblem: Unser “ökologische Fußabdruck” wird immer größer, was bedeutet, dass für einen Großteil der Weltbevölkerung, für nachfolgende Generationen und für den nichtmenschlichen Teil des Planeten weniger überbleibt.
2) Nun hört man ja fast von allen, wie schrecklich der Einkaufsstress ist und der Großteil würde wohl auch zustimmen, dass Weihnachten nicht zwingend etwas mit materialistischem Schenken zu tun hat. Was hält die Menschen davon ab von diesem Wahn auszusteigen? Sind wir so stark von den Medien gesteuert? Gibt es keinen freien Willen mehr?
Ich bin bestenfalls Hobbypsychologe, aber ich denke schon, dass die Werbeindustrie nicht umsonst Milliarden dafür investiert, uns zu Konsumidioten zu machen. Wenn das nicht wirken würde, wär’s ja verschenktes Geld. Und das sind nicht gerade Leute, die gern Geld verschenken. Der freie Wille wiederum, das ist glaube ich eine Sache, die erkämpft werden muss. So wie überhaupt alles, was uns was wert ist. Dazu würde ich gern die indische Menschenrechtskämpferin Arundhati Roy zitieren: “Unsere Freiheiten wurden uns nicht von irgendeiner Regierung gewährt. Wir haben sie ihnen abgerungen. Und sind sie einmal preisgegeben, wird der Kampf um ihre Rückgewinnung zur Revolution. Dieser Kampf muss in allen Kontinenten und Ländern geführt werden. Kein Sieg ist zu klein, kein Sieg zu unbedeutend.” Und sei er nur so “unbedeutend” wie der freie Wille.
3) Dein neues Buch trägt den Titel „Uns gehört die Welt!” und Du schreibst darin über die Macht und Machenschaften der Großkonzerne. Wie ist Dein Zugang zur Macht und wie können wir uns selbst ermächtigen?
In meinem Buch sehe ich Macht zuerst einmal ökonomisch: Die reichsten drei Männer der Welt – Bill Gates, Warren Buffet und Carlos Slim Helú – besitzen jeder soviel wie alle Einwohner&innen der ärmsten 50 Länder gemeinsam in einem Jahr verdienen. Die zwei Prozent reichsten Menschen haben soviel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, die von weniger als zwei Euro am Tag leben muss. Wirtschaftliche Macht bedeutet auch politische und gesellschaftliche Hegemonie. Auch sogenannte demokratische Systeme, ihre Regierungen und Aufmerksamkeitsmechanismen, Medien und Bildung funktionieren zu einem großen Teil im Interesse dieser Machterhaltung. Sich selbst ermächtigen heißt zuallererst diese Machtverhältnisse nicht als gottgegeben anzunehmen, Selbstvertrauen, aber auch die Fähigkeit und den Willen zu Solidarität und Zivilcourage, zum Teilen in jeder Hinsicht zu entwickeln. Also an die eigenen Träume glauben, sich und andere über gesellschaftliche, ökonomische und politische Interessen zu informieren, gemeinsam mit anderen in gesellschaftliche Gestaltungsprozesse einzugreifen – und dabei möglichst auch noch Spaß zu haben. Macht – Macht auf Kosten anderer – beruht zu einem großen Teil auf Angst. Der Angst, Ansehen, soziale Anerkennung und den Anteil an ökonomischen Ressourcen und Lebensgrundlagen zu verlieren. Menschen, die sich frei fühlen und Spaß haben, haben keine Angst. Und deshalb sind sie gefährlich für die Mächtigen.
4) „An die eigenen Träume glauben”: Was sind Deine persönlichen Träume? Für Dich und für diese Welt in der wir leben?
Ich möchte vor allem frei sein, frei von Unterdrückung, aber auch von angelernten, inneren Zwängen. Ich hasse Unfreiheit, und deswegen kämpfe ich auch dafür, dass andere Menschen frei sein können. Damit meine ich die Tatsache, dass die Mehrheit der Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrem mangelnden Zugang zu ökonomischen Ressourcen nicht selbst entscheiden können, wo oder wie sie leben wollen. Aber auch die Unfreiheit, die dadurch entsteht, dass wir gelernt haben, uns an die Erwartungen anderer, unserer Eltern, unserer Lehrer oder des Wirtschaftssystems anzupassen. Wir wollen ja alle vor allem lieben und geliebt werden, oder? Wenn uns das bewusst ist, brauchen wir dafür keine sinnlosen Produkte kaufen oder uns an Stars und Mächtige anzuklammern, um uns selbst akzeptiert zu fühlen.
5) Vor kurzem ist Dein neues Buch „Uns gehört die Welt” erschienen. Was gehst Du als nächstes an? Welche Ziele hast Du für 2009?
In erster Linie möchte ich herumreisen und meine Präsentationsshow “Uns gehört die Welt!” zeigen. Das ist keine normale Buchpräsentation, sondern eine Mischung aus Vortrag und Clownshow. Ich habe in den letzten Jahren mit Clowns wie Leo Bassi und Jango Edwards gearbeitet, die radikale Sozialkritik mit Humor verbinden. Clowns waren immer in der Geschichte sowas wie subversive Elemente, egal ob es sich um die Hofnarren im Mittelalter, Leute wie Charlie Chaplin, Dario Fo oder heute die Clown Rebel Army handelt. Lachen ist das beste Mittel gegen Angst und damit auch gegen Machtmissbrauch. Wer keine Angst vor der eigenen Lächerlichkeit hat, der ist gefährlich für die Mächtigen. Und ich möchte gefährlich sein! Deshalb halte ich meine Vorträge seit einiger Zeit als Clown, das ist auch unterhaltsamer als eine Lesung, und es macht den Leuten Mut und Lust sich selber zu engagieren.
Danke für Deine inspirierenden Antworten!
Weitere Informationen:
Bücher von Klaus Werner-Lobo
Blog & Website von Klaus
Klaus auf Facebook
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In meinem Buch sehe ich Macht zuerst einmal ökonomisch: Die reichsten drei Männer der Welt – Bill Clinton, Warren Buffet und Carlos Slim Helú – besitzen jeder soviel wie alle Einwohner&innen der ärmsten 50 Länder gemeinsam in einem Jahr verdienen.
Das wird wohl Bill Gates sein, Clinton hat nicht so viel Geld.
danke für den hinweis, Kurt. LG
Danke Hannes, wieder ein sehr erfrischendes Interview. Mich würde interessieren, ob ihr auch den Konnex zur (Berufs-)Politik besprochen habt, gerade Klaus Werner-Lobos Aussage vor einigen Monaten im Club 2 (“Ob es nicht notwendig wäre in Österreich eine neue parlamentarische Kraft zu gründen, die sozialer ist als die Sozialdemokraten, mehr Nächstenliebe an den Tag legt als die ÖVP, liberaler ist als die Liberalen – nämlich im Sinn von Freiheit -, ökologischer und humanistischer ist als die Grünen und auf das Volk, auf die Bevölkerung, und zwar auf alle hier lebenden Menschen, mehr hört als die Rechtspopulisten?”) wäre hier sicherlich ein interessanter Anknüpfungspunkt für spannende Gedanken…
@andreas (nachdem mich hannes gebeten hat selbst darauf zu antworten): im interview haben wir nicht darüber gesprochen, ich rede aber natürlich immer wieder mit freunden und freundinnen darüber, ohne selbst konkrete absichten zu haben…grundsätzlich fände ich es notwendig, dass dort, wo z.b. jean ziegler die “planetarische zivilgesellschaft” verortet, auch sowas wie die politische machtfrage gestellt wird. ich muss aber gestehen dass ich da – gerade angesichts der personellen und strukturellen gegebenheiten in österreich – selbst auch eher ratlos bin. gleichzeitig glaube ich, dass sich da demnächst was tun werden, einfach weil immer mehr leute drüber nachdenken, und dieses nachdenken auch in einer erfrischend undogmatischen vielfalt geschieht