Barcamp: Der Charme des Zwanglosen

Okt 06, 2008 15 Kommentare Allgemein

Meine regelmäßigen LeserInnen haben von diesen mysteriösen Barcamps schon öfter gehört. Diese Unkonferenzen, die rund um den Globus stattfinden und primär einen elitären Zirkel von Webprofis und Blogger anziehen. Vom 4.- bis 5. Oktober fand auch in Wien wieder ein Barcamp statt (nun schon seit 2 Jahren), welches locker die 100er Grenze überschritt.

Doch warum funktioniert dieses Konzept so gut?

Vor mehr als 2 Jahren in den USA geboren, breitet sich die Idee dieser Unkonferenzen zum informellen Wissensaustausch rasend aus. Auf allen Kontinenten sind sie zu finden und es werden immer mehr. In letzter Zeit trifft man unter den Teilnehmern auch immer mehr Exoten (also nicht-Web&IT-Profis) und das Konzept wird für andere Schwerpunktthemen übernommen (z.B. Tourismus Barcamp).

Wo liegt die Genialität? Warum trifft das Konzept Barcamp den Nerv der Zeit und ist augenscheinlich ein Kultur und Branchen unabhängiges (übergreifendes) Model für eine neue Art von Wissensaustausch?

107
Photo by Zooomr

Ein Versuch einer ersten Analyse:

1. Die Mischung macht’s (oder: machst Du!)

Durch die natürliche Verbreitung durch Mundpropaganda, die sich nicht auf Branchenkanäle reduziert, sondern sich innerhalb bestehender sozialer Netzwerke bewegt, entsteht ein angenehmer Mix unter den Teilnehmern&innen. Jung/Alt, Experte/Laie, Freelancer/Angestellte/Unternehmer, etc. Diese Mischung wiederum erlaubt andere Gedankensprünge, Ideenimpulse und Sichtweisen. Die Interdisziplinarität provoziert Querdenken und Neudenken.

2. Ehrlichkeit & Mitgestaltung ist Trumpf

Durch den Open-Space Charakter und dem lockeren Umgang in den einzelnen Sessions werden langweilige, Energie-raubende Keynote Speeches und Podiumsdiskussionen vermieden. Anstatt Top-down wird eine partizipative Kultur gelebt. Jeder kann mitgestalten, mitreden und präsentieren. Ist eine Session doch mal langweilig, kann man eingreifen oder diese einfach wieder verlassen. Wie ehrlich (Man stelle sich das bei einem konservativen Wirtschaftskongress vor!).

3. Tool-unterstütze Vernetzung

Durch die transparente, öffentliche Anmeldeliste (oft innerhalb eines Wikis), kann man schon vor dem eigentlichen Event Kontakt mit den Leuten aufnehmen und Treffen vor Ort vereinbaren. Damit ist der Output im Sinne der wertvollen, neuen Kontakte garantiert. Diese Transparenz mindert auch die Hemmschwellen auf fremde Leute zu zugehen. Natürlich ist gerade die junge Webszene in diesen neuen Welten von Social Networks & Co aufgewachsen und bewegt sich entsprechend spielend. Schon während dem Barcamp bekommt man dann oft Kontaktanfragen auf XING, Facebook & Co, da viele der Teilnehmer mit Laptop vor Ort sind und Pausen für dieses Aufarbeiten der neuen Kontakte nutzen.

4. Crowdsourcing der Bewertung & Erkenntnisse

Ein ganz wichtiger Punkt für mich: Anstatt einige Tage/Wochen später eine Konferenznachlese zu erhalten, die natürlich nur eine PR Meldung der Veranstalter ist, wird bei Barcamps die Generierung eines Resümees und das Festhalten der Erkenntnisse gemeinsam erarbeitet. Hier profitieren die Unkonferenzen von der hohen Dichte von Bloggern, die alle schon während oder zumindest wenige Tage nach dem Barcamp einen eigenen, subjektiven Rückblick veröffentlichen. Die vielen Berichte der persönlichen Highlights, neuen Erkenntnisse, Ideen und Kritikpunkte, vereinen sich so zu einem umfassenden Rückblick, der gleichzeitig entstandenes Wissen speichert und als bestes PR Instrument für die nächste Konferenzen fungieren. Wie einfach. Wie wertvoll, im Vergleich zu den nichtssagenden Zeilen konventioneller Konferenzen, verfasst von einem Angestellten der Eventagentur.

Ein nachhaltiges Konzept

Und so läuft und läuft und läuft…. das System Barcamp. Und noch weiter. Der wirklich grenzgeniale Ansatz dieser Unkonferenzen liegt für mich noch wo anders. Es ist der Grundgedanke einer ungezwungenen, Individuen-getriebene Reproduktion des Konzeptes. Jeder darf/kann/soll ein Barcamp organisieren. Jeder darf/kann/soll kommen (keine Konferenzgebühren). Logos, Anleitungen und Hilfestellungen sind zur freien Verfügung im Internet. Von Beginn an verzichteten die „Erfinder” auf Kontrolle und Markenrechte. Sie schufen ein System, dass bei seiner Reproduktion und Verbreitung an biologische Mikrosysteme erinnert.

Ja, ich bin fasziniert von Barcamps. Nach inzwischen hunderten von Konferenzen in verschiedensten Branchen bin ich von deren Genialität überzeugt. Man kann es auch anders ausrücken: Barcamps sind die nachhaltigste Form von Konferenzen mit dem Ziel Vernetzung und Wissenstransfer.

Deshalb liegt auch nichts näher, also schon 2009 (in Wien) das erste Barcamp zum Thema „Sustainability” auf die Beine zu stellen. Mehr dazu bald hier.

Nochmals ein herzliches Dankeschön an das Organisationsteam (rund um Dieter) vom Barcamp Wien!

Meine persönlichen Highlights?

Die Präsentation von Marc Scheloske über Wissenschaftsblogs von Scienceblogs.de die Wahlkampf Analyse von Max Kossatz und der erneute, ambitionierte Auftritt von Christoph Chorherr von den Grünen.

.

Rückblicke, Barcamp Wien, 4. – 5. Oktober

Fotos: Stefan Kuzmanov’s 360° Panoramabild vom Barcamp

Fotos: Karola Riegler’s Diashow

Fotos: Christian Lendl’s Diashow

Online Marketing Blog

Robert Lender | Nur ein Blog

Politik in Österreich

Digiom | Jana Herwig

Luca Hammer | 2-blog

Hermanngasse (Oliver Nitz)

Trí Nhân Vũ

Kurt Schwab | Meine Projekte

15 Kommentare zu “Barcamp: Der Charme des Zwanglosen”

  1. Meral / Digitalks says:

    Scienceblogs.de hat Marc Scheloske vorgetragen, wenn ich mich richtig erinnere. Er schreibt das Blog Wissenswerkstatt http://www.wissenswerkstatt.net.

    Auf zu neuen Barcamps;-)

  2. Jana says:

    Super Zusammenfassung dessen worum es bei BarCamps geht. Wollte grad sagen, dass im 1. Absatz ein Typo ist, finde aber, dass “Die Mischung machst” im Sinne von “Die Mischung machst du” noch viel besser aus.

  3. Jana says:

    …noch viel besser _ist_ (mein Typo). Und: Unfassbar eigentlich, dass es BarCamps erst seit 2 Jahren gibt. But they’re here to stay, that much is for sure.

  4. Hannes Offenbacher says:

    @Meral: Danke, genau das war er!
    @Jana: Danke das Lob, den Hinweis und charmanten Typo-Gedanken :-)

  5. Susanne says:

    Die Idee zum Sustainability-Barcamp finde ich spitze. Da bin ich auf jeden Fall dabei und das Barcamp bekommt dann eine eigene Episode in “Grüner Leben”…

  6. Barcamp Wien Oktober 2008, es gibt auch… | WUTSCHINJEN says:

    [...] Barcamp: Der Charme des Zwanglosen [...]

  7. Klaus Werner-Lobo says:

    freu mich schon sehr aufs sustanability-barcamp. ich denke überhaupt dass das womöglich eine form sein könnte, die auch für die sozialforumsbewegung und für zivilgesellschaftliche aktivitäten insgesamt interessant sein könnte. und werde morgen in berlin an http://socialbar.de teilnehmen, bin schon gespannt!

  8. meine.projekte » BARCAMP KULTUR - Menschen tauschen sich aus says:

    [...] Hannes Offenbacher: Barcamp-der Charme des Zwanglosen [...]

  9. Frank says:

    Mal abgesehen davon, dass es der eigenen Persönlichkeitsentwicklung sicher nie schaden kann mit anderen Menschen zusammenzutreffen, ich kann nicht erkennen, dass auch nur ein einziges Barcamp je etwas Substanzielles, für die Allgemeinheit Relevantes hervorgebracht hätte. Und damit würden sich die Unkonferenzen ja kaum mehr von den klassischen Konferenzen unterscheiden?

  10. Hannes Offenbacher says:

    @Frank … also erwartest Du von Barcamps, dass Sie etwas Substanzielles für die Allgemeinheit hervorbringen? Das ist ein hoher, sinnvoller Anspruch, aber den sehe ich für Barcamps nicht.

    Meine Erwartung für ein Barcamp ist ein hohe Anzahl von Gesprächen, sinnvollen Kontakten, neuen Ideen und einer kräftigen Portion informellen Lernens.

    Ich denke aber schon, dass dort einige tolle, für die Allgemeinheit wertvolle Projekte geboren wurden/werden.

    Zudem: Eine Barcamp Regel sagt ja, wenn dich etwas stört, verändere es, mache es besser. Ich würde es spannende finden, wenn man bei Barcamps eine Abschluss-Session macht, wo man versucht gemeinsam die Essenz der Erkenntnisse zusammenzufassen und Alt-Mediengerecht aufbereitet und verschickt.

    MFG Hannes

  11. Frank says:

    Eine hohe Anzahl von Gesprächen und viele neue Ideen setze ich aber auch völlig problemlos in der Eckkneipe um.

    Und wenn es für ein Barcamp Regeln braucht, führt es sich dann nicht selbst ad ad absurdum?

  12. Hannes Offenbacher says:

    Sorry, aber in Wien kenne ich keine Eckkneipe, wo ich 180 Leute – zwanglos – treffen & ihren Präsentationen foglen kann. In 2 Tagen komprimiert. Das ist für mich Gold wert, denn für derart viele Einzelgespräche bei Cafe hätte ich keine Zeit.

    Regeln: Es sind eher Leitsätze, damit es einen lockeren, selbsterhaltenden Rahmen gibt.

    Aber Barcamps wollen sich ja nicht aufzwingen. Wer aufgrund negativer Erlebnisse oder äußerer Beobachtung meint, diese Kultur sei uninteressant, dem steht es ja frei es zu ignorieren. Ich bin auch der Überzeugung, dass Barcamps auch nicht für jeden sinnvoll sind und umgekehrt.

  13. Kreativregion – Barcamp, Kreativwirtschaft, Metropolregion » Blog Archive » Ein nachhaltiges Konzept … über Barcamps imd was sie bringen says:

    [...] Ich lese gerade einen Rückblick auf das erste KnowledgeCamp in Karlsruhe, ein bemerkenserter Beitrag eines Wissensarbeiters über das Phänomen Barcamp, kurzer Auszug hier, den vollständigern Artikel von Hannes Offenbacher finden Sie auf dieser Seite >> [...]

  14. lutzland.blog » Bookmarks for Dezember 11th through Dezember 14th says:

    [...] Barcamp: Der Charme des Zwanglosen (Blog von Hannes Offenbacher) – Ja, ich bin fasziniert von Barcamps. Nach inzwischen hunderten von Konferenzen in verschiedensten Branchen bin ich von deren Genialität überzeugt. Man kann es auch anders ausrücken: Barcamps sind die nachhaltigste Form von Konferenzen mit dem Ziel Vernetzung und Wissenstransfer. [...]

Hinterlasse einen Kommentar

Kommentare abonnieren!