Barcamp: Der Charme des Zwanglosen

Meine regelmäßigen LeserInnen haben von diesen mysteriösen Barcamps schon öfter gehört. Diese Unkonferenzen, die rund um den Globus stattfinden und primär einen elitären Zirkel von Webprofis und Blogger anziehen. Vom 4.- bis 5. Oktober fand auch in Wien wieder ein Barcamp statt (nun schon seit 2 Jahren), welches locker die 100er Grenze überschritt.

Doch warum funktioniert dieses Konzept so gut?

Vor mehr als 2 Jahren in den USA geboren, breitet sich die Idee dieser Unkonferenzen zum informellen Wissensaustausch rasend aus. Auf allen Kontinenten sind sie zu finden und es werden immer mehr. In letzter Zeit trifft man unter den Teilnehmern auch immer mehr Exoten (also nicht-Web&IT-Profis) und das Konzept wird für andere Schwerpunktthemen übernommen (z.B. Tourismus Barcamp).

Wo liegt die Genialität? Warum trifft das Konzept Barcamp den Nerv der Zeit und ist augenscheinlich ein Kultur und Branchen unabhängiges (übergreifendes) Model für eine neue Art von Wissensaustausch?

Ein Versuch einer ersten Analyse:

1. Die Mischung macht’s (oder: machst Du!)

Durch die natürliche Verbreitung durch Mundpropaganda, die sich nicht auf Branchenkanäle reduziert, sondern sich innerhalb bestehender sozialer Netzwerke bewegt, entsteht ein angenehmer Mix unter den Teilnehmern&innen. Jung/Alt, Experte/Laie, Freelancer/Angestellte/Unternehmer, etc. Diese Mischung wiederum erlaubt andere Gedankensprünge, Ideenimpulse und Sichtweisen. Die Interdisziplinarität provoziert Querdenken und Neudenken.

2. Ehrlichkeit & Mitgestaltung ist Trumpf

Durch den Open-Space Charakter und dem lockeren Umgang in den einzelnen Sessions werden langweilige, Energie-raubende Keynote Speeches und Podiumsdiskussionen vermieden. Anstatt Top-down wird eine partizipative Kultur gelebt. Jeder kann mitgestalten, mitreden und präsentieren. Ist eine Session doch mal langweilig, kann man eingreifen oder diese einfach wieder verlassen. Wie ehrlich (Man stelle sich das bei einem konservativen Wirtschaftskongress vor!).

3. Tool-unterstütze Vernetzung

Durch die transparente, öffentliche Anmeldeliste (oft innerhalb eines Wikis), kann man schon vor dem eigentlichen Event Kontakt mit den Leuten aufnehmen und Treffen vor Ort vereinbaren. Damit ist der Output im Sinne der wertvollen, neuen Kontakte garantiert. Diese Transparenz mindert auch die Hemmschwellen auf fremde Leute zu zugehen. Natürlich ist gerade die junge Webszene in diesen neuen Welten von Social Networks & Co aufgewachsen und bewegt sich entsprechend spielend. Schon während dem Barcamp bekommt man dann oft Kontaktanfragen auf XING, Facebook & Co, da viele der Teilnehmer mit Laptop vor Ort sind und Pausen für dieses Aufarbeiten der neuen Kontakte nutzen.

4. Crowdsourcing der Bewertung & Erkenntnisse

Ein ganz wichtiger Punkt für mich: Anstatt einige Tage/Wochen später eine Konferenznachlese zu erhalten, die natürlich nur eine PR Meldung der Veranstalter ist, wird bei Barcamps die Generierung eines Resümees und das Festhalten der Erkenntnisse gemeinsam erarbeitet. Hier profitieren die Unkonferenzen von der hohen Dichte von Bloggern, die alle schon während oder zumindest wenige Tage nach dem Barcamp einen eigenen, subjektiven Rückblick veröffentlichen. Die vielen Berichte der persönlichen Highlights, neuen Erkenntnisse, Ideen und Kritikpunkte, vereinen sich so zu einem umfassenden Rückblick, der gleichzeitig entstandenes Wissen speichert und als bestes PR Instrument für die nächste Konferenzen fungieren. Wie einfach. Wie wertvoll, im Vergleich zu den nichtssagenden Zeilen konventioneller Konferenzen, verfasst von einem Angestellten der Eventagentur.

Ein nachhaltiges Konzept

Und so läuft und läuft und läuft…. das System Barcamp. Und noch weiter. Der wirklich grenzgeniale Ansatz dieser Unkonferenzen liegt für mich noch wo anders. Es ist der Grundgedanke einer ungezwungenen, Individuen-getriebene Reproduktion des Konzeptes. Jeder darf/kann/soll ein Barcamp organisieren. Jeder darf/kann/soll kommen (keine Konferenzgebühren). Logos, Anleitungen und Hilfestellungen sind zur freien Verfügung im Internet. Von Beginn an verzichteten die „Erfinder” auf Kontrolle und Markenrechte. Sie schufen ein System, dass bei seiner Reproduktion und Verbreitung an biologische Mikrosysteme erinnert.

Ja, ich bin fasziniert von Barcamps. Nach inzwischen hunderten von Konferenzen in verschiedensten Branchen bin ich von deren Genialität überzeugt. Man kann es auch anders ausrücken: Barcamps sind die nachhaltigste Form von Konferenzen mit dem Ziel Vernetzung und Wissenstransfer.

Deshalb liegt auch nichts näher, also schon 2009 (in Wien) das erste Barcamp zum Thema „Sustainability” auf die Beine zu stellen. Mehr dazu bald hier.

Nochmals ein herzliches Dankeschön an das Organisationsteam (rund um Dieter) vom Barcamp Wien!