In Österreich ist im Rahmen der verfrühten Vorwahlen – zumindest innerhalb der Blogosphäre – eine spannende Diskussion über Politik 2.0 entbrennt. Vorgeheizt von Heinz‘ Politcamp und der löblichen Plakat 2.0 Aktion von Grüne Politiker Christoph Chorherr und nach dem eigentlich überraschenden Sieg von Obama im USA Vorwahlkampf der Demokraten, fragt man sich auch hierzulande: Was ist möglich?

Me in the WIP internet cafe
Foto by urbanprofanity on Zooomr

Ernüchternd meine Analyse: Ohne Politiker 2.0 ist keine Politik 2.0 möglich

Selbst Initiator (und heimlicher, politischer Blogosphäre Liebling) Christoph Chorherr ist sich trotz des Erfolgs der Plakat-Aktion (der Standard online berichtete) nicht sicher, ob die entscheidenden Gremien der Grünen entsprechend darauf reagieren werden. Logischerweise wird die gut verdienende PR Agentur der Grünen (die haben wohl auch eine?) weniger begeistert sein, von diesen kostenlosen Ideen, die wohl möglich auch besser sind als die hundertmal aufgewärmten Sujets der Agentur selbst. Schon diese Tatsache lässt mich befürchten, dass die Entwürfe aus der „Basis” es nicht weiter nach oben schaffen werden dürfen.

Das größte Problem – systembedingt – sind wohl aber eben die altgedienten Spitzen der Parteien. In einer Puls4 Umfrage, wo man rausfinden wollte wie sehr die Politiker die Welt ihre neuen Zielgruppe ab 16 Jahre verstehen, verweigerten SPÖ und ÖVP Spitzen den Test. Die Grünen schlugen sich zwar wacker, aber wenn die um ihr jugendliches Image bemühte Eva Glawischnig keine Ahnung hat, was Facebook ist, dann ist das zwar überhaupt nicht überraschend und auch nicht verwerflich (man hat eben ein anderes, forderndes Tagesgeschäft), aber es zeigt auf, dass das vorhandene Web 2.0 Potential von diesen Spitzen auch strategisch nicht genutzt werden kann -weil es so weit von ihrer Realität weg ist, wie die Krone von meiner Wohnungstür.

Vielleicht – und jetzt gebe ich mich der Träumerei hin – wäre es möglich, wenn man kompetente PR und Strategieberater hätte, die Web 2.0 tatsächlich verstehen UND (Achtung, großes und fettes UND) dann auch auf die vielleicht unkonventionellen Ratschläge und Projektvorschläge hören würde. Und selbst wenn das passieren sollte, kommt erschwerend hinzu, dass der jeweilige Politiker auch noch „authentisch” wirken soll sein muss, wenn er sich in diese neue Dialog-Welt wagt. Die übliche, antrainierte ORF Medienrhetorik ist hier fehl am Platze, was die Auswahl weiter massiv dezimiert.

Politik 2.0: Podiumdiskussion auf der re:publica 2007, Berlin. 

Doch wo denke ich hin. Diese Nischen-Jugendkultur im Web ist doch so einen Aufwand nicht wert, oder? Zahlt es sich aus? Dann doch lieber noch 100 Plakate mehr aufhängen, wo man den anderen “plakativ” zur Sau machen kann. Das ersetzt dann gerne eigene Inhalte.

Ich habe zwar keine Zahlen an der Hand, aber ich bin überzeugt, dass man gerade über das Internet eine beachtliche Zahl von „Nichtwählern” mobilisieren könnte. Doch diese Gattung lässt sich eben nicht mit alter Parteipropaganda mobilisieren. Da muss schon mehr her und wohl auch mehr Mut und Weitblick.

Doch gerade bei den Grünen verstehe ich die vorherrschende Rhetorik nicht. Ich bin immer wieder erschüttert, wie konsequent man sich selbst ein Verlierer Image gestaltet. Das augenscheinlich immer-traurige Gesicht vom Herrn Professor verstärkt ein resignierendes, abgekämpftes Profil. Der Kampfgeist und die Visionen hat man in den Donauauen liegen gelassen.

Mein Wunsch – speziell für die Grünen – wäre ein Erwachen, neues Leadership (an der Spitze) mit Visionen und auch mal frechen Zielen. Eine Partei, die eigentlich selbst nur noch „hofft” die Nummer 3 zu bleiben, mobilisiert wohl Wenige.

Eine erstarkte, verjüngte grüne Partei, die sich selbstbewusst und entschlossen hinstellt und sagt: “Ja, wir wollen werden bereits bei der übernächsten Wahl die zweitstärkste Partei Österreichs sein!”, die bringen mich zum Schmunzeln und Träumen und schlussendlich auch zum Wählen (auch hier müssten natürlich die Flaggenträger authentisch wirken sein).

So oder so. Wir leben im Medien- und Unterhaltungszeitalter und da gewinnt man Aufmerksamkeit nur mit Angst oder mit Träumen. Die goldene Mitte ist in diesem Falle wohl kontraproduktiv und schmeckt wir ein alter Kaugummi. Einfach fad – und das will keiner.

Also: Besser geht’s immer. Viel Glück Viel Mut!

PS: Ich analysiere – kritisch – in diesem Beitrag deswegen nur die Grüne Partei, weil mir die anderen noch keinen Satz wert waren.