Es ist ja nur ein Spiel. Sagen Verlierer.
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Heute war ich mit meinem Bruder – Heimo Offenbacher – in der Bowlinghalle. Meine Freunde wissen, dass ich dieses Spiel mit Leidenschaft spiele. Das hat familiäre Wurzeln. Wann immer es in meiner Kindheit ein Fest gab, so wurde ein Gasthaus mit Kegelbahn gewählt. Das war – gerade für uns Kinder – das Größte. Mit Ehrgeiz und vollem Einsatz kämpften wir um den Sieg.
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Und dann das heute. Auf der Nebenbahn spielt ein junges Pärchen. Die junge Dame stellt sich dabei nicht sonderlich geschickt an. Mit lautem Knall lässt sie die Kugel auf die Bahn knallen. 10 Würfe beobachte ich. Bei jedem Wurf rollt die Kugel vor ihrem Ziel in die rechte Kugelrinne. 0 Punkte.
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Ich bin fassungslos
Nach jedem versiebten Wurf, lacht sie verlegen, zuckt mit den Schultern und geht zurück zu ihrem Platz. Bis sie wieder dran ist und sich das Schauspiel wiederholt.
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Was mich fassungslos macht? Es ist die Antriebslosigkeit. Die Gleichgültigkeit. Diese Form von Nichtigkeit gegenüber dem Scheitern. Keine Sekunde versucht sie zu reflektieren, WARUM die Kugel jedesmal ihre Ziel verfehlt. Auch ihr Freund kümmert das nicht. Er denkt keinen Moment daran mit ihr die Fehlerquelle zu suchen. Müht sich keine Sekunde darum, seine Freundin aus dem Teufelskreis zu befreien. Eh egal.
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Übertriebener Ehrgeiz?
Manche Leute nennen mich übertrieben ehrgeizig. Gerade beim Sport. Und auch beim Bowling. Wenn ich dann den Klugscheißer spiele und den schwächeren Spielern zu helfen versuche, ihnen Feedback gebe was Haltung, Handgelenk und Schwung angeht, dann bekomme ich oft ein kaltschnäuziges „Das ist nur ein Spiel Hannes”, an den Kopf geworfen. Was nerv ich auch.
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Nun, für mich besteht der Sinn des Spieles darin, alle Kegel umzuwerfen. Bestenfalls beim ersten Wurf = Strike. Sonst beim Zweiten = Spare. Alles darunter ist nicht zufriedenstellend. Mache ich Fehler, versuche ich sofort gegenzusteuern. Suche die Fehlerquelle oder versuche bewusst etwas anders zu machen. Alles andere ist unmöglich. Für mich ist es kein Glückspiel, wohin die Kugel rollt. Es ist die Summe vieler kleiner Abstimmungen und Körperabläufe. Kein Zufall. Kein Schicksal.
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Krankheit Gleichgültigkeit
Bin ich also krankhaft ehrgeizig? Oder gibt es die Krankheit der Gleichgültigkeit wirklich? Warum haben Menschen Angst, besser zu werden? Weil sie davor erkennen müssten, dass sie nicht gut sind? oder ist es wirklich nur ein Spiel?
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Aber es steckt mehr dahinter. Diese Einstellung gegenüber Bowling ist in vielen Fällen wohl auch die Einstellung gegenüber dem Leben, dem Job, der Beziehung und den eigenen Zukunftsperspektiven.
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Sie sind träge geworden. Zu müde, um aktiv und bewusst zu versuchen etwas zu verbessern. Die eigene Vorstellungskraft ist so gut wie tot. Träume haben sie – bis auf den nächsten 1 Woche All-inklusive Urlaub – schon lange keine mehr. Sie berauben sich selbst ihres Potentials. Ruhen sich auf dem Status Quo aus und drehen sich mit zuckenden Schultern um. Jene, die das laut in Frage stellen werden belächelt und ausgegrenzt. Unruhestifter braucht man nicht. Es ist ja eh alles nur ein Spiel.
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würd dich beim bowlen gern mal erleben
das mit den träumen stimmt sicher. da muss ich mich auch selbst an der nase nehmen
Wäre der Aufhänger nicht Bowling, könnte ich Deine Argumentation nachvollziehen.
Aber so kann man getrost sagen “Es ist nur ein Spiel”.
ich kann deine gedanken und argumente sehr gut nachvollziehen, ich habe auch sehr oft das gefühl (nicht nur wenn es um sport geht), dass manche leute einfach keinen ehrgeiz mehr haben. ich frage mich dann warum, aber diese frage ist anscheinend nicht so einfach zu beantworten. aber ich finde es sehr interessant, dass noch andere leute diese sichtweise haben, vielleicht philosophieren wir ja demnächst bei einem gläschen wein irgendwo mal darüber…
lg, fabian
@ andre: naja, bowling war ja eben “der aufhänger”
?
@ fabian: da können wir machen, schon beim barcamp
Servus Herr Offenbacher,
herzlichen Dank für diesen offensiven, provokanten Artikel. Es steckt viel Wahrheit in Ihren Gedankengängen rund um die Parallelen-Aufdeckung zwischen Spiel, Beruf und allgemein dem Ernst des Lebens.
Gerade kurz vor den Jahresend-Festtagen spielten wir auf unserer Weihnachtsfeier vor allem Bowling. Und siehe da, es geschah, was Sie in Ihrem Beitrag angesprochen haben: Die Ehrgeizigsten unter uns, die sich in der Vergangenheit zudem häufig als ruhige, besonnene Zeitgenossen ausgezeichnet hatten, gewannen ihre Runden haushoch. Bis auf eine Ausnahme handelte es sich um die kreativsten, analytischsten, patentesten und beruflich wie privat ausgeglichensten KollegInnen.
Wie man anhand eines Werkes der darstellenden Kunst, einem Musikstück, einem realisierten Webauftritt und eben auch anhand eines (geschriebenen wie gesprochenen) Dialog einen “Duktus”, die Pinselführung, die Herangehensweise eines Menschen erkennen kann, so vermag man selbiges auch beim Spiel: Der Charakter sowie die Ordnung bzw. das (nachlässige) Chaos im Kopf einer Person zeigt sich in jedem Fall. Völlig überflüssig zu erwähnen, dass es kaum ins Gewicht fällt, ob Erfahrung auf dem Gebiet im Vorhinein gesammelt worden war oder ob man sich erstmals mit einer Situation eingehend beschäftigt, um sie zu meistern. Allein die Einstellung zu ihr zählt und die Zielsetzung.
Eine faszinierende Beobachtung, die Sie so trefflich in Worte gefasst haben. Danke dafür!
Freue mich auf weitere spannend-dramatische Blogs und grüße sonnig ins Nachbarland.
Valentina Brajko
P. S.: Ich bin so frei und werde Ihren Bowling-Artikel weiterleiten.
liebe Valentina, danke für die interessanten erzählungen! vielleicht rufe ich mal einen bowling abend aus
aber entspannen kannst du dich schon auch? zuviel ehrgeiz ist auf dauer ungesund…
ich bin oft sogar zu entspannt, meint meine Mutter
Hannes, toll! Du beschreibst an diesem Beispiel köstlich was sich leider gesellschaftsübergreifend wie eine “downward-spiral” (um im Stile der Nine Inch Nails zu sprechen) entwickelt. Im Gegensatz zu erfolgreichen Entscheidern oder auch Spitzensportler die ihren Fokus, ihre Energie und Konzentrationsfähigkeit in einen bestimmten Moment bündeln können, verstumpfen die meisten immer mehr. Warum? Weil sich leider zu viele mental “auszublenden” beginnen, nicht mehr im hier und jetzt (Eckhard Tolle läßt grüßen) befinden. Sowohl ihrer Zeit als auch ihren Handlungen, Emotionen und Wahrnehmungen hinterherlaufen.
Da ist es doppelt erfrischend einen so engagierten Beitrag wie von Dir zu lesen! Bleib so und hilf auch weiterhin Deinem Umfeld sich zu befreien (Matrix läßt grüßen).
“downward spiral”, “krankheit gleichgültigkeit” – ich weiß nicht, das klingt doch schon ein bisschen nach krankhaftem ehrgeiz. besonders das “sagen verlierer” im titel – menschen als verlierer abzustempeln fand ich immer schon eigenartig.
sicher, ich find’s auch komisch, wenn es jemand egal ist, wenn die kugel immer in die rinne rollt. ich finde es aber ebenso komisch, wenn jemand bei einem spiel nur ans gewinnen denkt – und keine zeit für gemütliche gespräche nebenbei über gänzlich andere themen hat. (nicht, dass ich dir das vorwerfe hannes, aber solche leute kenne ich einige.)
gleichmut, nicht gleichgültigkeit.
da sprichst du sicher etwas wichtiges an: B A L A N C E
oder auch “alles mit maß und ziel”. mir scheint viele menschen von heute laufen entweder auf vollgas oder stehen im leerlauf. dazwischen – kenn zumindest ich – wenige leute, die beides erfolgreich vereinen…
ps: wir sollten mal einen bowling abend machen!
dabei!
Ich sag´s mal auf gut Hessisch: Könne mer des Spiel an ´nem Wochenende stattfinde lasse? Dann wär´isch gern debei! Irgendwo in Wien, rechtzeitig (2-3 Wochen früher) angekündischt?
Bis dahin viel Erfolg
Valentina
Lieber Hannes (ich erlaub mir mal auch unbekannterweise das DU
jetzt bin ich “zufällig” über diverse Ecken in deinem Blog gelandet – den ich übrigens super finde – und muss mich direkt als eine dieser “gleichgültigen Loserinnen” outen….
Ehrgeiz war noch nie mein Antrieb, ich will Spaß haben, bei dem was ich tue, egal ob es gut oder schlecht gemacht ist
Bin auch eine Bowling-Niete, aber das ist mir fast völlig egal, solange mir das spielen an sich Freude macht, ich muss ja nicht davon leben alle Kegel hinwegzufegen. Da kann ein wohlmeinender selbsternannter Coach, der mir nur sagt was ich anders machen soll, leicht zum Spielverderber werden
Gut bin ich halt bei anderen Sachen! Was soll’s. Darf ich deswegen nicht mehr Bowling spielen?
ehrgeizfreie Grüße
Claudia
Servus Claudia. Nun, deine Zeilen zeigen ja deutlich, dass bei Dir die Suche nach Spass eine Motivationsquelle ist. Es geht ja nicht ums gewinnen, sondern um das Spiel. Der Unterschied liegt aber in der Art, wie das Spiel gespielt wird. Gleichgültig, wie in meinem Artikel beschrieben, oder mit einem bestimmten Ziel. Spass ist auch ein Ziel.
Was mich noch interessieren würde: Kannst Du beantworten, WAS Dir beim Spielen Spass macht? Was löst dieses Gefühl aus??
Hmm, gute Frage
und ab und zu fällt ja auch der eine oder andere Kegel (blindes Huhn und Korn und so) – kann mir vorstellen, dass ich dann paradoxerweise ein wesentlich größeres Glückserlebnis habe als der erfolgsgewohnte Bowlingprofi.
… zuerst einmal würd ich es sicher nicht alleine machen, also ist wohl die Gesellschaft ein Faktor. Dann kann ich auch dem Scheitern Amüsantes abgewinnen
Klarerweise hätte ich nicht jeden Tag Lust schlecht zu bowlen, aber mal einen Abend lang kann ganz lustig sein.
Trotzdem: ich bin vermutlich kein typisches Beispiel
da mein ganzes Leben sich fast ausschließlich um die Realisierung meiner Träume dreht und ich mir den Luxus leiste meistens das zu tun worauf ich Lust habe. Da kratzt es mich nicht, wenn ich ein paar Stunden lang sinnlos ne schwere Kugel auf Holzpins rolle und halt dabei nur gelegentlich was treffe. Spaß zu haben ist etwas wozu ich mich entscheide, egal wobei.
“dem Scheitern etwas Amüsantes abgewinnen”. Super
Für Dich besteht also der Sinn des Spieles darin, alle Kegel umzuwerfen. Gut. Nun stell’ dir einmal vor, für jemand anderen besteht der Sinn desselben Spiels in ganz was anderem. Und schon ist es schlicht und einfach wurscht, wieviele Kegel umgeworfen werden. Trägheit, Gleichgültigkeit, Antriebslosigkeit: das sind Urteile auf Basis Deiner Werte und Deiner dadurch gefärbten Wahrnehmungsfilter.
Die Welt ist aber viel bunter VOR den Wahrnehmungsfiltern als DAHINTER. Wer weiß, was alles die junge Dame dazu bewogen hat, zum Bowling mitzugehen – es ist nur eine Frage der Fantasie, wieviel einem da einfällt…
Herzliche Grüße!